Intelligenz und Virtuosität

Oktette mit dem Gringolts Quartet und Meta4

 

Von Peter Hagmann

 

Das Kulturleben ist stillgelegt, Oper und Konzert sind ausgesetzt – versteht sich: Die Öffentlichkeit, welche die Musik braucht wie wir die Luft zum Atmen, ist derzeit besonders gefährlich. Musikkritik muss daher ausfallen. Indes, stimmt das? Oder stimmt es vielleicht nur bedingt? In unseren multimedial durchzogenen Tagen kennt die Musik ja auch andere Formen des Daseins, mediale eben. Darum bleibt «Mittwochs um zwölf» fürs erste in Betrieb: mit Home Music, nämlich mit Hinweisen auf empfehlenswerte Neuerscheinungen oder Schätze aus dem Archiv.

 

Phänomenal – so und nicht anders muss die neue CD bezeichnet werden, mit der das Gringolts Quartet und das finnische Quartett Meta4 auf den Plan treten. Das Album – es ist auch auf den grossen Streaming-Diensten greifbar – vereint zwei Stücke, die zwar ganz anders klingen, aber viel gemeinsam haben. Beide sind sie für acht Streicher, nämlich für zwei Streichquartette, geschrieben, und beide sind sie Jugendwerke. Als Felix Mendelssohn Bartholdy 1825 sein Oktett vollendete und seiner so erstaunten wie entzückten Familie vorspielen liess, war er sechzehn Jahre alt, George Enescu war immerhin schon neunzehn, als er Hand an sein Oktett von 1900 legte. Und in beiden Fällen handelt es sich in gewissem Sinne um unmögliche Werke. Mendelssohns Oktett stellt, wenn man es so spielen will, wie es gedacht sein mag, technisch wie musikalisch unerhörte Ansprüche, während die Partitur Enescus nicht nur die Ausführenden, sondern erst recht das Publikum mit massiv erhöhten Anforderungen konfrontiert – nicht zuletzt darum steht die Komposition ganz und gar im Schatten des musikalischen Betriebs.

Jetzt aber fällt aufsehenerregendes Licht auf die beiden Stücke. Zusammengetan haben sich für dieses beim schwedischen Label BIS vorgelegte Projekt zwei der bemerkenswertesten Streichquartette der jüngeren Generation. Das Ensemble um den in Zürich und von Zürich aus wirkenden Primgeiger Ilya Gringolts mit der Sekundgeigerin Anahit Kurtikyan (die im deutschen Booklettext leider als Vertreter der männlichen Zunft genannt wird), der Bratscherin Silvia Simionescu und dem Cellisten Claudius Herrmann vertritt ein scharfes, auf Intelligenz und Virtuosität ausgerichtetes Profil. Ähnliches lässt sich von dem um einige Jahre länger bestehenden Quartett Meta4 aus Finnland sagen; Antti Tikkanen und Minna Pensola (Violinen), Atte Kilpeläinen (Viola) und Tomas Djupsjöbacka (Violoncello) haben mit ihrem speziellen Repertoire und ihrem ausgeprägten Können die Kunst des Streichquartetts auf eine neue Ebene gehoben – kein Wunder übrigens, dass die Vier mit dem aussergewöhnlichen Schweizer Klarinettisten Reto Bieri zusammenwirken.

Wie die beiden so individuell ausgeprägten Ensembles eine gemeinsame Basis finden und wie es ihnen gelingt, das weit ausgreifende, um nicht zu sagen: phantasievoll ausschweifende Oktett Enescus zu bändigen, ist schlechterdings hinreissend. Mit einer Kraft sondergleichen bringen sie die vier pausenlos miteinander verbundenen Sätze, die sich als ein einziger, allerdings in sinfonischer Form angelegter Sonatensatz verstehen, unter einen Bogen – als Zuhörer kann man von dem mäandrierenden und zugleich hellwach gesteuerten Verlauf regelrecht mitgerissen werden. Glanzstück der Aufnahme bildet aber das Oktett Mendelssohns, dessen Auslegung durch Meta4 und das Gringolts Quartet von einer hellen, bis tief in die Einzelheiten durchhörbaren Klanglichkeit lebt. Hochvirtuose Tempi, die durch geschickte Energieschübe auf ihrem Niveau gehalten werden, pikante Artikulation, die durch überraschende Verzierungen bereichert wird, und frische Spiellust verbinden sich hier zu einem Aha-Erlebnis erster Güte. Die ideale Interpretation dieses juvenilen Geniestreichs gibt es nicht, kann es nicht geben. Wer sie (durchaus zu Recht) dennoch sucht, kommt ihr dank dem Gringolts Quartet und Meta4 recht nahe.

Bei den Badenweiler Musiktagen dieses Frühlings, bei denen im Rahmen eines ausnehmend schön gebauten Programms dem Geiger Ilya Gringolts die Aufmerksamkeit gegolten hätte, wäre Gelegenheit gewesen, dem Oktett Enescus mit den beiden Quartetten dieser Aufnahme zu begegnen. Die Veranstaltung musste wie alle anderen abgesagt werden. Im besten Fall wird sie in einem Jahr nachgeholt. Zu hoffen wäre es.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Oktett für Streicher in Es-dur, op. 20 (1825). George Enescu: Oktett für Streicher in C-dur, op. 7 (1900).
Gringolts Quartet und Meta4: Ilya Gringolts und Anahit Kurtikyan (Violinen), Silvia Simionescu (Viola) und Claudius Herrmann (Violoncello); Antti Tikkanen und Minna Pensola (Violinen), Atte Kilpeläinen (Viola) und Tomas Djupsjöbacka (Violoncello).
BIS 2447 (Aufnahme 2018).

Woher das Streichquartett kommt

Das Kitgut Quartet und sein bemerkenswertes CD-Debüt

 

Von Peter Hagmann

 

Der Name ist hier Programm. Das 2015 gegründete Kitgut Quartet spielt auf Darmsaiten und gewiss auf alten Instrumenten mit den entsprechenden Bögen. Einzelheiten zum verwendeten Instrumentarium werden auf der soeben bei Harmonia mundi erschienenen Debüt-CD des Quartetts nicht genannt – leider, es wäre von Interesse, denn der Klang, den Amandine Beyer und Josèphe Cottet (Violinen), Naaman Sluchin (Viola) und Frédéric Baldassare (Violoncello) hören lassen, ist schon sehr speziell. Sehr darmsaitig eben. Jedenfalls viel darmsaitiger als bei vergleichbaren Ensembles wie dem hervorragenden Chiaroscuro Quartet rund um die Geigerin Alina Ibragimova. Ausgesprochen kernig, obertonreich, klar zeichnend klingt das Kitgut Quartet auf seiner CD – fast wie ein Gamben-Consort englischer Herkunft.

Womit wir beim Thema wären. Dass das Streichquartett nicht aus dem Nichts heraus erfunden wurde, dass es zumindest die Besetzung schon vor der später so zentral gewordenen Gattung gegeben hat – das erkundet das Kitgut Quartet hier in ebenso aufschlussreicher wie verspielter Weise. Und zwar anhand des historischen Hintergrunds in England, wo während der Umbaupausen in den Theatern ein kleines Streicherensemble vor dem Vorhang mit Tänzen und Variationen aufzuwarten pflegte – mit Musik, die rhythmisch wie harmonisch zum Teil ausgesprochen anspruchsvoll ausgestaltet war. Die CD versammelt Stücke von Henry Purcell, Matthew Locke und John Blow in spannungsreicher Abfolge und in Darbietungen, die einen die Ohren spitzen lassen.

Wenn dann, in der Mitte des Programms, das Streichquartett in D-dur, op. 71 Nr. 2, Hob. III:70, von Joseph Haydn mit einer langsamen Einleitung ganz à la Purcell anhebt, tritt zutage, dass der Komponist bei seinen Aufenthalten in London nicht nur mit seinem Schaffen Erfolge eingefahren, sondern dass er sich auch auf die musikalischen Traditionen des Gastlandes eingelassen hat. Die Wiedergabe des Quartetts gelingt darüber hinaus in mitreissender Schärfung – «Papa Haydn» ist da definitiv auf den Dachboden der Klischees verbannt. Spritzig und musikantisch frei die Artikulation, toll die nicht von Dauervibrato eingetrübte Intonation, vielfarbig der Klang, zugespitzt die Unterscheidung zwischen Schwer und Leicht. Bisweilen geschieht das so ausgeprägt, dass einzelne Töne verloren gehen, aber das mag der Preis sein für eine Spontaneität, die in keinem Augenblick an ein Aufnahmestudio denken, aber sehr wohl ein ungewöhnliches Mass an Konzentration und Fokussierung spüren lässt.

String quartets before the string quartets. Werke von Henry Purcell, Matthew Locke, John Blow und Joseph Haydn. Kitgut Quartet. Harmonia mundi 920313.

Auf neuem Weg

Violinsonaten Mozarts beim Musikkollegium Winterthur

 

Von Peter Hagmann

 

An Wolfgang Amadeus Mozarts Sonaten für Klavier und Violine wagen sich nur die allermutigsten, um nicht zu sagen: die allerbesten Geiger, und für die Pianisten gilt dasselbe. Aus jüngster Zeit sind etwa Alina Ibraghimova zu nennen, welche die insgesamt 35 Stücke mit ihrem Klavierpartner Cédric Tiberghien aufgenommen hat, oder ihre Kollegin Isabelle Faust, die zusammen mit Alexander Melnikov für das Label Harmonia mundi an einem bemerkenswerten CD-Projekt mit dieser Musik arbeitet. Der Grund für die Probleme ist rasch genannt: Mozarts Geigensonaten sind wesentlich heikler zu spielen, als sie klingen. Sie leben von kleinen Bewegungen auf engem Raum, und sie geben sich fast durchwegs verspielt, ja unbeschwert. Vor allem stellen sie nicht ein Soloinstrument mit Klavierbegleitung in den Raum; gerade in den frühen Sonaten – die Gattung hat Mozart von Kindsbeinen an bis wenige Jahre vor seinem Tod beschäftigt – gebührt der Vorrang meist dem Klavier, an dessen Seite sich die Geige in unterschiedlichster Beziehung zum Tasteninstrument artikuliert. Das alles führt dazu, dass diese Stücke zwischen KV 6 und KV 526 nicht sonderlich beliebt sind, weder bei den Musikern noch beim Publikum, und dass sie dementsprechend selten gespielt werden.

Beim Musikkollegium Winterthur sind sie nun jedoch erklungen – nicht allesamt, aber doch die 16 berühmten unter ihnen. «Mozart-Challenge» nannte sich das Unternehmen mit Roberto González Monjas, dem Ersten Konzertmeister des Musikkollegiums, und dem Pianisten Kit Armstrong. Und wie schon in früheren Jahren, bei den Projekten mit den Violinsonaten von Beethoven und Brahms, gab es ein Rahmenprogramm, eine kleine Ausstellung und ein Wiener Kaffeehaus, in dem sogar, vom Geiger eigens hergebracht, die berühmten Mozart-Kugeln aus der Salzburger Konditorei Fürst angeboten wurden. Nicht nur das Kaffeehaus war gut besucht, beim dritten und letzten Abend im Zyklus war auch der Musiksaal im Stadthaus so gut wie voll besetzt. Abgesehen vom unvermeidlichen Geräusch eines Mobiltelephons herrschte zudem jene gespannte Aufmerksamkeit, die sich heute in Konzerten nicht mehr selbstverständlich einstellt. Am Ende sprangen die Menschen von den Sitzen auf und brach ein Jubel aus, dass es eine Art hatte. Das nach Geigensonaten von Mozart.

Nach einer Musik nämlich, die in der Darbietung durch Roberto González Monjas und Kit Armstrong gründlich anders klang als gewöhnlich, nämlich vielgestaltig, beredt und spannend. Kit Armstrong spielte einen Bechstein-Flügel, und er entlockte diesem wunderschönen Instrument Lineaturen von heller, durchsichtiger Zeichnung. Roberto González Monjas wiederum arbeitete mit ganz leichter, von jedem Druck befreiter Bogenführung und sehr dosiert eingesetztem, meist nur kleinem Vibrato; der Klang seines ebenfalls traumhaften Instruments von Giuseppe Guarneri, einer durch fünf Winterthurer Familien gekauften und durch die Rychenberg-Sitftung zur Verfügung gestellten Geige aus dem frühen 18. Jahrhundert, blieb darum jederzeit schlank und obertonreich. Dazu kam die ausgeprägte Artikulation: die ganz bewusste, vielfach ausdifferenzierte Unterscheidung zwischen dem Gebundenen und dem Gestossenen, aber auch die Aufmerksamkeit für die Differenzierung zwischen schwer und leicht innerhalb des einzelnen Taktes. So wurde zum Beispiel gleich im zweiten Takt der eröffnenden Sonate in F-dur KV 377 eine absteigende Folge von vier Vierteln zu einer aufregenden Sache. Bei den Variationen im abschliessenden Allegretto der Es-dur-Sonate KV 481 dagegen zeigte sich, zu welcher Virtuosität das bestens aufeinander abgestimmte Duo vorzudringen vermag, und wie mutig pikant die beiden Musiker das Geschehen auszulegen wagten. Kein Wunder, wurden die drei mittleren Sonaten in Es-dur KV 302, C-dur KV 303 und vor allem jene in D-dur KV 306 mit ihrer wahnwitzigen Kadenz im Finale zu einem hochgradig animierenden Erlebnis.

Gesungen und gesprochen

Brahms’ Violinsonaten mit Alina Ibragimova und Cédric Tiberghien

Von Peter Hagmann

 

Sie sind für Klavier und Violine geschrieben, nicht umgekehrt – so sah es Johannes Brahms bei seinen drei Geigensonaten vor, so steht es auch auf den Titelblättern der Notenausgaben. Selten freilich wird es derart klar, derart plausibel wie in der vorzüglichen Aufnahme der Sonaten, die Alina Ibragimova zusammen mit dem Pianisten Cédric Tiberghien bei Hyperion vorlegt. Besonders deutlich wird es im Adagio der ersten Sonate, dessen Hauptthema vom Klavier mit grossem Ton und explizitem Rubato vorgestellt wird. Kommt dann die Geige dazu, tritt der Pianist einen Schritt zurück, um der Geigerin Raum zu lassen. Niemand steht hier im ersten, niemand im zweiten Glied, die Balance ist gewährleistet – und nicht nur das, sie ist sinnreich erfüllt. Aber auch im Kopfsatz dieser G-Dur-Sonate ist zu erleben, wohin Kammermusik mit zwei einander ebenbürtigen, einander auch schätzenden Partnern führen kann. Sehr sorgfältig sind die in dieser Sonate so wichtigen Tonwiederholungen ausgeformt, sanft wird das Tempo modifiziert, sensibel wird beim Streichinstrument das Vibrato eingesetzt.  Der musikalische Verlauf findet dadurch zu einem erzählerischen Profil, das den Zuhörer, auch die Zuhörerin mächtig ins Geschehen hineinzieht. Brahms erhält hier alles an Expression, was seine Musik verlangt, ohne dass irgendwo irgendwie gedrückt würde. Merklich anders und zugleich verwandt die A-Dur-Sonate op. 100. Mit ihren nach oben strebenden Kantilenen, bei denen es auf der Geige leider zu einigen unschönen Schleifern kommt, wirkt sie ausgesprochen dem Diesseits zugewandt. Ein Stück Leben kommt hier zum Ausdruck; Brahms komponierte die Sonate in Hofstetten am Thunersee, wo er glückliche Sommertage verbrachte und süsse Gefühle hegte. Auch enorm farbig klingt die Sonate; am Anfang des Mittelsatzes zeigt Alina Ibragimova mit ihrer herrlichen tiefen Lage das Spezielle des musikalischen Moments. Einen kammermusikalischen Höhepunkt bietet die dritte Sonate, d-Moll, und zwar im Finale. Cédric Tiberghien kleidet die Hymne, die dort auftritt, in ruhige Würde, bleibt aber voll dabei, wenn Alina Ibragimova eingreift und mit ihrer Geige den Ton ins Lyrische wendet. Wer Brahms kennenlernen möchte, hier kann er es tun.

Johannes Brahms: Sonaten für Klavier und Violinen Nr. 1-3. Alina Ibragimova (Violine), Cédric Tiberghien (Klavier). Hyperion 68200.

«Spätlese» – in ausgezeichnetem Jahrgang

Herbstausgabe der Badenweiler Musiktage

 

Von Peter Hagmann

 

Wer nach Badenweiler fährt – zum Beispiel zu den dort zwei Mal im Jahr an je einem verlängerten Wochenenden durchgeführten Musiktagen – sieht es auf den ersten Blick: Die liebliche Landschaft ist vom Weinbau geprägt; kein Fleck zu klein, ein Rebberg zu sein. «Spätlese», das Motto, das sich Lotte Thaler als Künstlerische Leiterin der Musiktage für diesen Herbst ausgedacht hat, lag darum in gewisser Weise nahe. Und das umso mehr, als es nach den Konzerten wieder das von den lokalen Winzergenossenschaften offerierte Glas Wein gab, bei dem sich die Künstler und das Publikum zu Begegnung und Austausch treffen können – eine exzellente Idee, die sich bei einem kleinen, aber feinen Festival wie den Badenweiler Musiktagen geradezu anbietet und dort absolut dazugehört, die aber auch etwas für das etablierte Abonnementskonzert wäre.

Anlass zum Diskurs gab es sehr wohl, denn auch diesen Herbst bot das musikalische Angebot in Badenweiler wieder, wie Lotte Thaler sagt, etwas für Sinne und Geist. Ihre Programme sind bewusst gebaut, sie verfügen über ihre ganz eigene Konsistenz. Unter dem Motto «Spätlese» versammelten sich in der jüngsten Ausgabe der Musiktage Stücke, die allesamt einen Bezug zu Herbstlichem haben – weil sie als Spätwerke entstanden oder weil sie erst spät entdeckt worden sind. Zur sinnreichen Durchführung des Mottos tritt in Badenweiler eine Reihe weiterer Prinzipien. Stars begegnen dort Aufsteigern, also folgte die Bratscherin Tabea Zimmermann auf das Dover Quartet. Verbreitetes trifft auf Verkanntes, diesmal etwa ein Streichquartett von Johannes Brahms auf Musik von Mieczysław Weinberg. Vor allem kommt Deutsches mit Französischem zusammen. Das Markgräflerland und das Elsass, wiewohl durch den Rhein getrennt, sind sich nah durch Dialekt und Mentalität. Das hat schon Klaus Lauer, den Gründer der Badenweiler Musiktage, dazu bewogen, die Nähe zwischen den beiden Kulturkreisen an einer ihrer Schnittstellen zu beleuchten. Seine Nachfolgerin tut das in gleichem Masse.

So hat sie zur Eröffnung der diesjährigen Herbstausgabe den ausserordentlich profilierten, mächtig aufstrebenden Franzosen Bertrand Chamayou verpflichtet. Der Pianist aus Paris brachte einerseits späte (und mittlere) Musik von Franz Liszt mit, andererseits Werke von Maurice Ravel und Camille Saint-Saëns, von dem ausser dem «Carnaval des animaux» und der «Orgel-Symphonie» im Konzert so gut wie nichts gespielt wird. Die «Jeux d’eau à la Villa d’Este» aus dem dritten Band der «Années de pèlerinage» von Liszt brachte Chamayou zu glänzender Wirkung, weil er die Tremoli ohne Anstrengung und klanglich jederzeit kontrolliert meisterte, weil er ausserdem dramaturgisch Übersicht bewahrte und so zu geschickten Steigerungen fand. Den «Feierlichen Marsch zum heiligen Gral» aus Richard Wagners «Parsifal», den Liszt für Klavier gesetzt hat, legte der Pianist mit einem berückenden Mass an klanglicher Sensibilität aus, aber auch mit ausgeprägtem Sinn fürs Grosse, was bei ihm weder mit Lautstärke noch mit Pathos gleichzusetzen ist. Von herrlicher Kraft das Fortissimo, ins Ätherische verschwimmend die Episoden des ganz Leisen. Auf die «Lugubre gondola» Nr. 2, die sich auf Wagners Tod in Venedig bezieht, folgte schliesslich «Venezia e Napoli» aus dem zweiten Band der «Années de pèlerinage» – ein Dreiteiler in funkelnder Virtuosität.

Er leitete über zu den «Miroirs» von Maurice Ravel – und hier feierte die Klavierkunst französischer Provenienz ihr Fest. Nach allen Seiten flexibel die «Noctuelles», sinnlich in ihren tiefen Akkorden «Une barque sur l’océan», von umwerfender Klangmagie «La Vallée des cloches». Die Glocken klangen gleich weiter, nämlich in «Les Cloches de Las Palmas» von Camille Saint-Saëns, einem weit vorausblickenden Stück, das denkbar wenig zu tun hat mit dem Klassizismus, ja der akademischen Haltung des Komponisten denkbar entfernt steht. Nach zwei Mazurken schliesslich die horrible Etude en forme de valse, die Bertrand Chamayou – nicht aus dem Ärmel schüttelte, aber selbst in den heikelsten Passagen geradezu schwerelos darbot. Danach musste man erst einmal tief durchatmen.

Im nächsten Frühjahr, Ende April und Anfang Mai 2020, steht der grossartige, unerhört vielseitige Geiger Ilya Gringolts im Licht. Er beginnt seine Residenz in Badenweiler mit einem reinen Soloauftritt und geht weiter zu einem Duo-Abend mit Kristian Bezuidenhout, mit dem er ein neues Stück des französischen Komponisten Brice Pauset für Violine und Hammerflügel aus der Taufe hebt, ein von den Musiktagen Auftrag gegebenes Werk. Weiter stellt er sich mit dem von ihm geleiteten Streichquartett vor und findet sich schliesslich mit diesem und seinen Kollegen vom finnischen Streichquartett Meta4 zu einem bunten Programm zusammen, das in das selten gespielte Streicheroktett von Georges Enescu mündet.

Wenn die Jungen mit den Alten

Neues Glück beim Carmina-Quartett

 

Von Peter Hagmann

 

Über Jahre hinweg verlief das Wirken des Carmina Quartetts auf Bahnen kontinuierlichen, ja wachsenden Erfolgs – wovon die solide Verankerung im Konzertbetrieb und eine reiche Diskographie zeugen. In jüngerer Vergangenheit musste das 1984 gegründete Streichquartett jedoch zwei harte Schicksalsschläge hinnehmen. 2016 erlitt sein Cellist Stephan Goerner einen Hirnschlag, der ihm die weitere Mitwirkung im Quartett verunmöglichte. Und im Jahr darauf verstarb Susanne Frank, zweite Geigerin im Ensemble, nach schwerer Krankheit. Das Quartett sah sich auf den Primgeiger Matthias Enderle und die Bratscherin Wendy Champney reduziert und vor die Frage gestellt, ob es unter solchen Umständen noch weitergehen könne. Alles sehr traurig.

Allein, es geht weiter, denn es gab Nachwuchs, sogar Nachwuchs aus den eigenen Reihen. Chiara Enderle, die Tochter von Matthias Enderle und Wendy Champney, ist eine fantastische, hochmusikalische Cellistin und eine leidenschaftliche Kammermusikerin. Sie ist 2018 ins Carmina Quartett eingetreten – zusammen mit der neuen Geigerin Agata Lazarczyk, die wie ihre gleichaltrige Kollegin Chiara Enderle an der Zürcher Hochschule der Künste gelernt hat und heute ad interim auf einer Konzertmeister-Position im Sinfonieorchester St. Gallen tätig ist. Andere Quartette haben sich nach Einbrüchen in der Besetzung aufgelöst, das Alban Berg Quartett zum Beispiel, das 2005 seinen Bratscher Thomas Kakuska verloren und sich drei Jahre später vom Konzertpodium verabschiedet hat. Das Carmina Quartett dagegen hat die heikle Situation mit einem sozusagen weichen, offenbar problemlosen Generationenwechsel brillant gemeistert.

Wie glänzend das Ensemble mit der neuen Situation umgeht, erwies jetzt ein Auftritt bei der Neuen Konzertreihe Zürich im temporären Kammermusiksaal der Kirche St. Peter. Die Älteren bringen ihre Erfahrung ein, die Jüngeren sorgen für frische Luft. Matthias Enderle ist ein ganz und gar souveräner Primarius, der mit Freundlichkeit und sicht- wie hörbarer Freude zu führen versteht, und mit Agata Lazarczyk ist am zweiten Pult eine Geigerin dazugekommen, die klanglich wie musikalisch hervorragend zu Enderle passt. Bei Wendy Champney ist die Bratsche, was sie bei ihr immer war, nämlich alles andere als eine Schattenpflanze; sie klingt vielmehr klar und deutlich, bisweilen sogar äusserst prägnant als eine Scharnierstelle zwischen Diskant und Bass. Dort freilich, bei Chiara Enderle am Cello, herrschen strahlendes Temperament, pure Musizierlust und mitreissende Expressivität – was die Tochter ins Ensemble der Eltern einbringt, setzt dem i das Pünktchen auf. Nicht zuletzt steht es für eine familiäre Harmonie, die sich heute keineswegs mehr von selbst versteht.

So hätte denn die Werkfolge des Abends eigentlich umgekehrt sein müssen: von d-moll nach D-dur, doch hätte das der Chronologie, vielleicht auch dem emotionalen Gewicht der Werke widersprochen (immerhin darf festgehalten werden, dass in diesem Programm die Tonarten einen erkennbaren Zusammenhang bildeten). Der Abend hob also in D-dur an – mit dem Streichquartett Hob. III:79 von Joseph Haydn. Das übrigens nicht, wie es der Programmtext insinuierte, dem letzten Quartettzyklus des Komponisten entstammt, denn auf die sechs für den Grafen Erdödy geschriebenen Stücke des Opus 76 von vermutlich 1797 folgten 1799 noch die beiden Lobkowitz-Quartette op. 77. Was das im besten Fall sein kann, ein Streichquartett und dessen Interpretation, erwies der langsame Satz in der entfernten Tonart fis-Dur, der in gehauchten piano-Schattierungen vielerlei Art daherkam und sich am Ende förmlich aufzulösen schien. Was Haydn aus der einfachen Dreiklangsbildung an motivischer Verwandlung gewinnt und wie das Carmina-Quartett diesen Prozess hörbar machte, das war grosse Kunst.

Daraufhin d-moll, nämlich das Streichquartett D 810 von Franz Schubert, das unter seinem Titel «Der Tod und das Mädchen» bekannt ist. Einen anderen Ton liess das Carmina Quartett da eintreten; er zielte von Anfang an deutlicher auf das Emotionale als auf das Verarbeitende. Das zeigte schon der Beginn, wo auf den längeren Notenwerte mit wenig oder gar keinem Vibrato gespielt und eine Spannung sondergleichen erzielt wurde – eine Spannung, die sich in der Durchführung ungeheuer verdichtete. Und eindrücklich, was das Quartett am Schluss des Kopfsatzes, wo die reguläre Kadenz eine nach der Art eines neapolitanischen Sextakkords vertiefte Subdominante erhält, an Intensität des Tons zu erzielen vermag. Nicht weniger hochstehend das Andante con moto des zweiten Satzes, eine Folge von Variationen über ein einfaches Thema, deren Steigerung in der Faktur und deren Verdichtung im Ausdruck zu unerhört plastischer Wirkung gebracht wurde. Als dann im Trio zum Scherzo des dritten Satzes das Cello die Führung übernahm, dachte man für einen Augenblick an Haydn zurück. In dessen Quartett aus Opus 76 hatte sich im Trio zum Scherzo genau dasselbe ereignet.

Zweimal dasselbe, aber ganz anders

Mendelssohns Oktett für Streicher in und um Zürich

 

Von Peter Hagmann

 

Wem der Sinn nach einem Konzerterlebnis mit dem Oktett von Felix Mendelssohn Bartholdy steht, braucht Geduld. In den Angeboten der Veranstalter erscheint der Geniestreich des erst sechzehnjährigen Komponisten äusserst selten. Kein Wunder, gehört das Werk doch zum Heikelsten im kammermusikalischen Repertoire. Für vier Geigen, zwei Bratschen und zwei Celli geschrieben, ist es nicht nur hochvirtuos gesetzt, sondern auch äusserst dicht gewoben; es lebt in hohem Mass von kontrapunktischem Reiz. Über das Strukturelle hinaus zeigt das Oktett aber auch orchestrale Klangwirkung im kammermusikalischen Format und vitale Frische des Tons – beides nicht einfach zu treffen.

Umso erstaunlicher darum, dass das Oktett Mendelssohns übers vergangene Wochenende in Zürich und der Region gleich zweimal im Konzert zu hören war – und dies beide Male auf höchstem Niveau, wenn auch unter denkbar unterschiedlichen Voraussetzungen. Zunächst erschien das Werk bei einem Auftritt des Merel Quartetts, das im Rahmen einer kleinen Schweizer Tournée zur Konzertreihe Top Klassik Zürcher Oberland in die Aula der Kantonsschule Wetzikon gekommen war. Zusammen mit dem Castalian String Quartet führt das Schweizer Ensemble das Oktett Mendelssohns seit zwei Jahren im Gepäck – glücklich über die Seelenverwandtschaft mit den etwas jüngeren Musikerinnen und Musikern aus London. Inzwischen ist diese Interpretation auch auf CD erschienen.

Keine 24 Stunden später gab es Mendelssohns Oktett ein weiteres Mal, nun aber ganz anders, nämlich im Licht der historisch informierten Aufführungspraxis. Dem «Bogenspiel» war das 31. Festival für Alte Musik Zürich gewidmet, und so lag es nahe, dass die zwei Wochen mit Streichermusik älterer Provenienz in einer Aufführung des Oktetts Mendelssohns durch das Quatuor Mosaïques und das Edding Quartet kulminierten. Beide Ensembles sind als profilierte Vertreter der historischen Praxis bekannt. Das eine, seit dreissig Jahren im Geschäft und berühmt geworden, stammt aus dem Kreis um Nikolaus Harnoncourt, das andere, jüngere, ist seit 2007 am Werk und steht Philippe Herreweghe nahe. Angesagt waren also Darmsaiten, eine etwas tiefere Stimmung, dosiertes Vibrato und sprechende Phrasierung.

Die Eindrücke an diesem Abend in der Zürcher Kirche St. Peter waren von ganz besonderer Art. Die Darmsaiten ergeben einen leichteren, helleren, obertonreicheren Klang als gewohnt, was dem elfenhaften Allegro leggierissimo im Scherzo besonders zugutekam, was die herausgehobene Stellung der ersten Geige im Kopfsatz, einem verkappten Violinkonzert, aber etwas unterspielte. Überhaupt brachten Erich Höbarth und Andrea Bischof, Anita Mitterer und Christophe Coin sowie Baptiste Lopez und Caroline Bayet, Pablo de Pedro und Ageet Zweistra die acht Stimmen weniger als ein Geflecht von Individualitäten denn als ein belebtes, aus dem Inneren heraus leuchtendes Ganzes zur Geltung. Etwas Schwebendes lag über der Wiedergabe, gerade im Allegro des Kopfsatzes, das eher moderato als con fuoco genommen wurde, aber auch im Scherzo, wo sich federleichte Pizzicati mit liegenden, in geradem Ton gespielten Akkorden verbanden. Das Finale geriet zu einem wahrhaft fulminanten Presto – ohne Rücksicht darauf, dass in diesem durchaus plausiblen Tempo das Hauptthema des Satzes in den beiden Celli, von wo aus es bis in die Geigen aufsteigt, unverständlich bleibt.

Das war auch bei Merel und Castalian so. Es ist nicht die Schuld der Interpreten, vielmehr jene des Komponisten, der den Anfang des als weit ausholende Fuge komponierten Finales nicht so sehr von den Streichinstrumenten als vom Klavier aus gedacht hat – wer je Gelegenheit hatte, den von Mendelssohn selbst erstellten Klavierauszug zu vier Händen zu hören, wird das bestätigen. Allerdings legten Mary Ellen Woodside und Edouard Mätzer, Alessandro D’Amico und Rafael Rosenfeld sowie Sini Simonen und Daniel Roberts, Charlotte Bonneton und Christopher Graves in Wetzikon den Akzent klar auf die jugendliche Lebensfreude und die stupende Virtuosität des Stücks, weshalb ihre Tempi noch eine Stufe höher lagen. Ohne Verluste freilich – im Gegenteil: Die Agilität der Stimmführung liess das konzertante Moment im Kopfsatz deutlich heraustreten, die ausgeprägten Handschriften der Ensemblemitglieder verliehen den durch die Instrumente wandelnden Motiven spannende Konturen, und vor allem herrschte mitreissende Lust am gemeinsamen Tun. In bestem Sinne musikantisch wirkte das und zugleich in hohem Masse strukturbewusst – die CD-Aufnahme bestätigt es.

Neben dem Oktett Mendelssohns gab es beim Festival für Alte Musik Zürich sinnreich, von der Tonartenfolge her allerdings weniger schön, zwei Werke Wolfgang Amadeus Mozarts. Nämlich Adagio und Fuge in c-moll  (KV 546) als ein weiteres Beispiel für die Bewunderung, die nachrückende Komponisten für Johann Sebastian Bach hegten, sowie das ebenfalls im Zeichen des Kontrapunkts stehende Streichquartett in d-moll (KV 421), in beiden Fällen mit dem Quatuor Mosaïques. Über einige Schwächen am ersten Pult konnte man wie beim Oktett Mendelssohns hinweghören, so anregend geriet die Auslegung – nicht zuletzt darum, weil sich hier die Vorzüge der historisch informierten Aufführungspraxis glücklich mit der Inspiration des Moments verbanden.

Am anderen Abend präsentierten sich vor dem Oktett Mendelssohns die beiden Quartette mit je einem eigenen Beitrag. Wie auf seiner neuen CD hob das Merel Quartett das Streichquartett Nr. 1 in Es-dur (op. 12) von Mendelssohn ans Licht. In einer ungewohnten Aufstellung, sie erinnerte an die deutsche Orchestertradition mit den beiden Geigengruppen links und rechts vom Dirigenten, gab das Ensemble zu erkennen, mit welchem Gewinn sich Erkenntnisse der historischen Praxis ins hergebrachte Klangbild integrieren lassen. Das Castalian Quartet dagegen wandte sich dem Streichquartett in F-dur (op. 41, Nr. 2) von Robert Schumann zu, einem harmonisch wie rhythmisch ungeheuer anspruchsvollen Werk, das die zwei Damen und die zwei Herren grandios bewältigten – mit warmem, grundtönigem Klang und bestechender intonatorischer Präzision.

Für das Merel Quartett geht es demnächst weiter mit dem Kammermusikfestival Zwischentöne im Kloster Engelberg, das von seinem Cellisten Rafael Rosenfeld und seiner Primaria Mary Ellen Woodside geleitet wird. «Ainsi la nuit» heisst das Thema hier, und auch diesen Herbst folgen sich phantasievoll konzipierte Programmen mit ganz unterschiedlichen Besetzungen. Den Anfang macht «Il tramonto» für Stimme und Streichquartett von Ottorino Respighi, in der Mitte folgt das Streichquartett «Ainsi la nuit» von Henri Dutilleux, während im Abschlusskonzert die «Verklärte Nacht» Arnold Schönbergs nicht fehlen darf. Eines der jüngeren Schweizer Streichquartette hat offenkundig Tritt gefasst und ist in eine vielversprechende Zukunft aufgebrochen.

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847): Streichquartett Nr. 1 in Es-dur op. 12 (1829), Oktett für Streicher in Es-dur op. 20 (1825). Merel Quartett und Castalian String Quartet. Solo Musica 293 (Aufnahme 2019).

Neue Bahnen

Das Brahms-Festival des Musikkollegiums Winterthur

 

Von Peter Hagmann

 

Als Schweizer Komponist kann er nicht gelten: Johannes Brahms ist in Hamburg geboren und hat in Wien den zentralen Ort seines Wirkens gefunden. Zur Schweiz hatte er jedoch sein Leben lang ein enges, um nicht zu sagen: ein Herzensverhältnis. Vierzehn Mal ist er in die Schweiz gekommen – für Reisen, für die Sommerfrische, für Konzertauftritte. In Basel und Zürich hatte er seine Kreise, in denen er als Gast geschätzt wurde. An den Thunersee zog es ihn; in den Jahren 1886 bis 1888 verbrachte er die Sommermonate in einer geräumigen Wohnung in Thun, von wo aus er lange Wanderungen unternahm. Eine ganz besondere Beziehung bestand aber zu Winterthur, wo er in Jakob Melchior Rieter-Biedermann, dem Spross einer begüterten Unternehmerfamilie, seinen ersten Verleger und einen grosszügigen Gastgeber fand und in Joseph Viktor Widmann, der später Redaktor bei der Tageszeitung «Der Bund» wurde, einen guten Freund.

Das Brahms-Festival, mit dem das Musikkollegium Winterthur seine Saison beschloss, war darum nicht die schlechteste der Ideen. Zumal es eng mit der Spielzeit des Orchesters verbunden war. Die vier Sinfonien von Johannes Brahms hat es mit seinem Chefdirigenten Thomas Zehetmair im Verlauf der vergangenen neun Monate einstudiert, im Konzertsaal des Winterthurer Stadthauses aufgeführt und schliesslich auf CD aufgenommen. Im Brahms-Festival sind sie dann an drei aufeinanderfolgenden Tagen noch einmal erklungen – ergänzt durch die beiden Klavierkonzerte, bei deren erstem der Solopart dem jungen Stürmer und Dränger Cédric Tiberghien anvertraut war, während im zweiten der alte Hase Nelson Freire in die Tasten griff. Das Angebot des Wiederhörens verband sich hier mit dem Versuch, Energien einer Saison zu einem Schwerpunkt zu bündeln und damit auch ein wenig auf überregionale Resonanz zu zielen.

Zu den drei Hauptkonzerten traten zahlreiche Kammerkonzerte und eine Fülle an Nebenveranstaltungen – alles zusammen von Samuel Roth, dem Direktor des Musikkollegiums, und seinem Team mit Phantasie erdacht und mit Liebe durchgeführt. Im ehemaligen Sitzungszimmer des Stadtrats mit seinem majestätischen runden Tisch gab es eine kleine, sehr instruktive Ausstellung von Sibylle Ehrismann und Verena Naegele über Brahms und die Schweiz. Ihre Fortsetzung fand sie im «Rothen Igel», ja, in dem Wiener Gasthaus, das Brahms so gern aufsuchte und das für das Brahms-Festival nach Winterthur verlegt worden war, genauer: in einen ehemaligen Kopierraum des Stadthauses, ebenfalls einen sehr stattlichen Salon, wo es etwas zu essen und etwas zu trinken gab – vielleicht ein Anstoss für ein zukünftiges Konzert-Café des Musikkollegiums? Auch Herr Rieter-Biedermann, der als ältester Sohn die Geschäfte im Unternehmen der Familie seinem jüngeren Bruder überlassen hatte, um sich dem Schöngeistigen, nämlich seinem Musikverlag, widmen zu können, gesellte sich zum Publikum; witzig verkörpert durch Andrea Tiziani führte der Verleger, als wären wir an einem frühsommerlichen Samstag des Jahres 1866, durch die Stadt zum Schanzengarten, dem Sommersitz der Familie, wo Johannes Brahms wie befürchtet gerade nicht zu einem Signierstündchen bereit war.

Vielleicht musste sich der Komponist auch vom Schreck erholen, der ihm zu Beginn seines ersten Klavierkonzerts, d-Moll, op. 15, in die Glieder gefahren war. Mit einem Knall sondergleichen setzte da die Pauke ein; dass dieses eröffnende d auch von Hörnern, von Bratschen und Kontrabässen intoniert wird, blieb unhörbar. Es war leider kein Einzelfall. Vor allem am ersten Abend mit dem d-Moll-Konzert und der D-Dur-Sinfonie, der lieblichen Zweiten, kam es immer wieder zu Unsauberkeiten in der klanglichen Balance, legten sich die Blechbläser über die Streicher und zerstörten damit die Transparenz des musikalischen Geschehens. Die Zwischenfälle dieser Art haben nichts mit dem Brahms-Bild von Thomas Zehetmair zu tun, sie gehen auf den zu wenig kontrollierten Moment der Aufführung zurück, vielleicht auch auf die nach wie vor problematische Körpersprache des Winterthurer Chefdirigenten. Am besten ist Thomas Zehetmair noch immer, wenn er Geige spielt; der Abend mit dem Beethoven-Konzert 2018, bei dem Zehetmair das Orchester als Solist leitete, ist unvergessen.

Der Ansatz, den Zehetmair bei seiner Auslegung der vier Sinfonien von Johannes Brahms verfolgt, ist allerdings von hohem Interesse. Er führt Brahms weg vom süffigen Sound und der massiven Lineatur früherer Tage (die dadurch nicht ausser Kraft gesetzt ist, wenn man sich der eindrucksvollen Brahms-Deutungen Claudio Abbados erinnert). Wesentliche Anregung bot ihm die sogenannte Meininger Tradition. Im späten 19. Jahrhundert galt die Meininger Hofkapelle als eines der besten Orchester Deutschlands; Brahms hat sie mehrfach dirigiert, er hat auch mit dem Meininger Hofkapellmeister Fritz Steinbach zusammengearbeitet und ihm zahlreiche Hinweise zur Interpretation seiner Musik gegeben – Hinweise, die Steinbachs Schüler Walter Blume aufgezeichnet und für die Nachwelt erhalten hat. Angesprochen sind da Fragen der Besetzung, der Klanglichkeit und der Ausformung der musikalischen Gesten. Im Gegensatz zur Interpretationskultur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Brahms für seine Musik den leichten, hellen Ton vorgezogen; den Dirigenten Felix Weingartner, von dem es frühe Brahms-Aufnahmen in diesem Stil gibt, hat er ausdrücklich gelobt. In der jüngeren Vergangenheit ist die Meininger Tradition von verschiedenen Dirigenten in Betracht gezogen worden, zum Beispiel von Nikolaus Harnoncourt oder Bernard Haitink. In seiner Gesamtaufnahme der Sinfonien Brahms’ mit der Tapiola Sinfonietta beschritt auch Mario Venzago diesen Weg – äusserst erfolgreich übrigens.

Beim Winterthurer Brahms-Festival gab es gleichwohl einige Sorgenfalten. Die CD-Aufnahme der vier Sinfonien wirkt um einiges besser, als es die Konzertaufführungen taten – und nicht etwa deshalb, weil bei der Einspielung die von Brahms vorgeschriebenen, allerdings umstrittenen Wiederholungen der Expositionen ausgeführt, bei den Konzerten dagegen ausgelassen wurden. Aber muss Brahms so harsch klingen, wie es Zehetmair wollte? So rauh, so heftig gegen den Strich gebürstet? In gewisser Weise schien der Orchesterklang der interpretatorischen Absicht im Weg zu stehen. Thomas Zehetmair liess das Musikkollegium in der deutschen Aufstellung mit den beiden Geigengruppen links und rechts vom Dirigenten spielen, doch brachte das nur wenig, da die Durchhörbarkeit begrenzt war. Das farblich reizvolle Kontrafagott etwa, das zu Beginn der Sinfonie Nr. 3, F-Dur, die Bässe unterstützt, es war nicht wahrzunehmen – vielleicht auch deshalb, weil um Gottes Willen nicht zu viel Bass sein darf, das erinnerte ja an Karajan. So blieben denn manche Zweifel; mit einigen von ihnen räumt die bei Claves erschienene Einspielung auf.

Über jeden Zweifel erhaben, nämlich jeder von ihnen in seiner Weise hinreissend, waren die beiden Solisten in den Klavierkonzerten. Als Nelson Freire das Podium betrat, wirkte der 74-Jährige Brasilianer fast etwas hinfällig; wie er aber am Steinway sass, war er wie verwandelt. Kraftvoll und doch herrlich kantabel, dabei restlos souverän und gesegnet mit lebenslanger Erfahrung durchmass er das B-Dur-Konzert, das Zweite. Und mit bestimmender Kraft, jedoch ohne jedes Dominanzgehabe, zog er das Orchester und seinen Dirigenten mit – besonders im Allegro appassionato des zweiten Satzes, bei dem er in packender Spannungssteigerung auf das Ende hinzielte. Füllig und obertonreich der Klavierklang, etwa im dritten Satz, wo ihm das Orchester in präziser Phrasierung und sorgfältiger Tongebung in geheimnisvoll erfüllte Sphären folgte. Ganz und gar gegenteilig Cédric Tiberghien, der im ersten der beiden Klavierkonzerte Brahms’ als ein feuriger Jungspund erschien, obwohl er doch auch schon seine 44 Jahre alt ist. Mit dem leisen Brahms hatte er etwas Mühe, im Umgang mit dem piano vermochte er Zehetmair und dem Musikkollegium nicht ausreichend zu folgen. Wie er aber im Kopfsatz dieses d-Moll-Konzerts das langsame Tempo, das der Dirigent anschlug, mit Leben zu erfüllen verstand, wie er dem gerade von amerikanischen Pianisten so gern gepflegten Bass-Gedonner aus dem Wege ging und wie er dank mässigen Pedalgebrauch Klarheit in seinen Part brachte, das alles war von unwiderstehlicher Wirkung.

Brahms von heute – hier klang es an. Erst recht kam es zur Geltung bei dem Rezital, in dem Roberto Gonzáles Monjas, der Erste Konzertmeister beim Musikkollegium Winterthur, und der noch sehr junge, unglaublich begabte Pianist Kit Armstrong die drei Sonaten für Klavier und Violine zur Aufführung brachten. Gonzáles ist, dies zuerst, ein phänomenaler Geiger, der mit seinem Instrument förmlich verwachsen ist. Er verfügt ausserdem über eine ganz einzigartige Ausstrahlung, die ihm beispielsweise erlaubt, als dirigierender Konzertmeister die jungen Leute des Iberacademy Orchestra aus Kolumbien in unerkannte Gefilde des musikalischen Daseins zu entführen. Vor allem aber steht er ästhetisch absolut auf der Höhe der Zeit. Das Vibrato differenziert einzusetzen, eine klare Artikulation und eine sprechende Phrasierung zu pflegen, ist ihm auch bei Brahms eine Selbstverständlichkeit – und sein schlanker, leuchtender Ton unterstützt das. Entwicklungspotential gibt es noch bei der Sauberkeit des Spiels; Glissandi bei Lagenwechsel sind nicht nur unschön, sie erscheinen auch als ein Relikt aus alten Zeiten. Kein Wünsche offen lässt er als Kammermusikpartner; mit Kit Armstrong lebt er eine musikalische Partnerschaft von seltener Einmütigkeit – zumal dem jungen Pianisten die drei im Klavier hochgradig anspruchsvoll gesetzten Sonaten gleichsam aus dem Ärmel zu fliessen schienen. Wie Tiberghien setzt Armstrong auf den lichten, eher trockenen Klang, was die kontrapunktische Faktur in der Handschrift Brahms’ wundervoll heraustreten liess. Nicht zuletzt darum geriet dieser Abend zum Höhepunkt des Winterthurer Brahms-Festivals.

Johannes Brahms: Sinfonien Nr. 1 bis 4. Musikkollegium Winterthur, Thomas Zehetmair (Leitung). Claves 1916/19 (2 CD, Aufnahme 2018).

Streichquartett mit Singstimme und Geistertönen

Auf Entdeckungsreise zu den Badenweiler Musiktagen

 

Von Peter Hagmann

 

«Frühling. Erwachen.», so das Motto der Musiktage Badenweiler. Und fürwahr: Welches Frühlings-Erwachen stellte sich an diesem 1. Mai 2019 ein – einem Prachtstag, auf den am frühen Abend ein Konzert der Extraklasse folgte: ein Liederabend mit dem Bariton Christian Gerhaher und mit Gerold Huber, seinem langjährigen Partner am Klavier. Lieder von Robert Schumann und Johannes Brahms standen auf dem Programm, von jenem die «Dichterliebe» und weniger Bekanntes, von diesem zum Beispiel der «Regenlied»-Zyklus in seiner Frühfassung. Ein fulminanter Einstieg; der Saal war randvoll.

In seiner Weise nicht weniger aufsehenerregend geriet der Auftritt des Deutschen Frank Dupree. Seiner jungen Jahre zum Trotz ist er kein Unbekannter, zwei CD-Publikationen und eine Reihe hochrangiger Preise haben auf den Schlagzeuger, Pianisten und Dirigenten aufmerksam gemacht. Vom perkussiven Element in der Musik ausgehend, hat er am Klavier eine spezifische Sensibilität für das Rhythmische entwickelt. Und so präsentierte er in seinem unprätentiös moderierten Auftritt amerikanische Musik, die dem Jazz nahesteht. Zum Beispiel drei Stücke des deutschstämmigen Amerikaners George Antheil, die mit dem Gattungsbegriff der Sonate spielen, dabei aber erfrischend wider den Stachel löcken, mit unanständigen Sekundreibungen reizen und immer wieder den Blues anklingen lassen

Das ist die Welt, die Frank Dupree liebt – und darum bewunderte er schon als Jugendlicher «An American in Paris», die Sinfonische Dichtung von George Gershwin aus dem Jahre 1928, die der Pianist in denkbar brillanter Weise für sein Instrument eingerichtet hat. Grandios, was Dupree alles in den Klaviersatz eingebracht hat. Und blendend, mit welcher Agilität er die Erinnerung eines Amerikaners an die französische Kapitale seinem deutschen Publikum nahegebracht hat. Nicht ohne Interesse nahm es auch die so gut wie unbekannten «Phrygian Gates» entgegen, eine anregende minimalistische Studie des 72-jährigen Amerikaners John Adams. Das Randständige wie das Neue gehörte schon immer zu den Musiktagen in Badenweiler.

Besonders eindrücklich war es beim Kammerkonzert mit dem Quatuor Béla aus Lyon zu erleben. Die «Intimen Briefe», das Streichquartett Nr. 2 von Leoš Janáček, wollte den beiden Geigern Julien Dieudegard und Frédéric Aurier, dem Bratscher Julian Boutin und dem Cellisten Luc Dedreuil nicht restlos gelingen; die Wiedergabe trug Züge des al-fresco-Spiels und entbehrte der Dringlichkeit, die bei diesem Stück möglich wäre. Umso besser gelang zum Schluss Ludwig van Beethovens letztes Streichquartett, das Opus 135 in F-Dur. Leicht und hell im Ton, auch lebendig in der Artikulation die beiden ersten Sätze, sehr berührend das in aller Ruhe und mit Wärme ausgesungene Assai lento in Des-Dur, erheiternd dann das Finale, das in einem einleitenden Grave die Frage stellt, ob es denn wirklich sein müsse, dieses Finale, und das darauf im Allegro die lapidare Antwort gibt: «Es muss sein.»

Im Zentrum der Begegnung mit dem Quatuor Béla, einem der auf neue Musik und erweiterte Präsentationsformen spezialisierten Ensembles, stand «Strings» von Robert HP Platz, ein Stück für Streichquartett, Singstimme und Elektronik. Live-Elektronik, mit deren Hilfe der Klang von Instrumenten transformiert und in Echtzeit über Lautsprecher in den Raum verteilt wird – das ist inzwischen hoch entwickelt und geläufig. Im Stück von Platz kommt freilich kein einziger Lautsprecher zum Einsatz, verwendet wird vielmehr ein Transducer – ein kleines, über Kabel mit einem Computer verbundenes Gerät, das an den Instrumenten des Quartetts befestigt ist und auf ihnen elektronische Signale in hörbare Wellen umsetzt. Das Streichinstrument wird somit zur doppelten Klangquelle; es erzeugt sowohl den eigenen als auch einen sozusagen fremden Ton. Dabei wird dieser fremde Ton vorab eingespielt und von einem Techniker im richtigen Moment an das Instrument gesendet; die Computertechnik ist noch nicht so weit entwickelt, dass die Prinzipien der Live-Elektronik auch beim Transducer zur Verwendung kommen könnten.

Was nach einer technischen Spielerei aussah, war in der Aufführung des Streichquartetts von Robert HP Platz von frappanter Wirkung. Dies umso mehr, als die vier Streicher im René-Schickele-Saal des Kurhauses Badenweiler, einem akustisch überraschend guten Raum, verteilt waren. Als Zuhörer hatte man wahrhaft zu tun, man musste die Ohren spitzen und sich in die verhaltenen Klänge einhören – bis dann mit einem Mal von fern her kommende Geisterstimmen dazu traten. Erst erschienen sie als verfremdete Echos, später wurden sie zu eigenständigen Begleitern, indem sie Obertöne aufnahmen und weiterführten; ein Pizzicato etwa erhielt dadurch eine Art Glöckchen umgehängt und empfing so subtile klangliche Erweiterung. Der Erste, der eine solche Horizonterweiterung versucht hat, war Arnold Schönberg, der in seinem zweiten Streichquartett (fis-Moll, op. 10, 1907/08) eine Singstimme einsetzt. Mit dem Beizug einer Singstimme in «Strings» schliesst Robert HP Platz an diesen historisch bedeutsamen Moment an. Tatsächlich war da buchstäblich Unerhörtes zu erleben. Die Sopranistin Julia Wischniewski und das Quatuor Béla hatten daran ganz wesentlichen Anteil.

In einem halben Jahr geht es weiter in diesem Stil – dem Badenweiler Stil, der durch Klaus Lauer begründet worden ist und durch seine Nachfolgerin Lotte Thaler in eigener Handschrift weitergeführt wird. «Spätlese» verheisst die Herbstausgabe der Musiktage. Sie findet zwischen dem 7. Und dem 10. November 2019 statt. Der grossartige französische Pianist Bertrand Chamayou bietet ein Programm, das von selten gespielten Werken französischer Provenienz ausgeht, um in Prélude, Choral et Fugue von César Franck zu kulminieren. Im zweiten Teil stehen sich Wolfgang Rihm und Franz Liszt gegenüber, von dem die in jeder Hinsicht anspruchsvollen «Réminiscences de Don Juan» erklingen. Am zweiten Abend spielt das vielversprechende amerikanische Dover Quartet Streichquartette von Paul Hindemith und Johannes Brahms. Die beiden Kammerkonzerte des Wochenendes bringen die Begegnung mit dem Atos-Trio, einem deutschen Klaviertrio, das an den hundertsten Geburtstag des Komponisten Mieczyslaw Weinberg erinnert und sich im Finale für eine Abfolge von Raritäten um die Bratscherin Tabea Zimmermann und ihre Freunde schart. Programme, wie sie Lotte Thaler im Verein mit ihren Gästen ersinnt, gibt es nur in Badenweiler.

Erwin Schulhoff: Streichquartett Nr. 1. Pavel Haas: Streichquartett Nr. 2. Hans Krása: Thema und Variationen. Quatuor Béla. Klarthe K077 (Aufnahme 2017).