Alptraum? Projektion?

«Elektra» von Richard Strauss in Basel

 

Von Peter Hagmann

 

Ursula Hesse von den Steinen (Klytämnestra) und Rachel Nicholls (Elektra) auf der Basler Opernbühne / Bild Sandra Then, Theater Basel

An Blut fehlt es nicht in der neuen, aus Antwerpen/Gent und Essen übernommenen Inszenierung von «Elektra» – das ist es, was sie so altmodisch macht. Die Wände auf der von Patrick Bannwart und Maria Wolgast entworfenen Bühne triefen vor Blut, rasch ist auch jeweils ein Kübel zur Hand, in den die Hände getaucht werden können, um theaterblutrote Zeichen zu setzen – selbst die von Meentje Nielsen erdachten Kostüme sind im einen oder anderen Fall mit den entsprechenden Schlieren versehen. Gewiss, die Story um den Kriegsheimkehrer Agamemnon, dem im Bad der Schädel gespalten wird, um dessen von Furien geplagte Frau Klytämnestra und die von Rachegedanken besessene Tochter Elektra und deren Bruder Orest, der am Ende unbarmherzig zuschlägt – diese Geschichte trieft in der Tat vor Blut. Der Librettist Hugo von Hofmannsthal, ein Meister des ebenso feinsinnigen wie treffenden Wortes, schenkt seinem Publikum nichts, und Richard Strauss hat sich dazu eine bis an die Grenze zur Hysterie erhitzte Musik einfallen lassen. Nichts fehlt in diesem Werk für einen mitreissenden Theaterabend, des Bühnenbluts, einer armseligen, leicht biederen Tautologie, bedarf es hier nicht.

Zu Diskussionen führen kann freilich die szenische Deutung, die der Regisseur David Bösch dem Einakter von 1908 angedeihen lässt. Das Stück erscheint auf der Basler Bühne als eine nächtliche Projektion Elektras, die ob dem Schrecklichen, das sie miterlebt hat, in tiefe Regression verfallen ist; umgeben von den Gegenständen aus der Kinderzeit, wünscht sie sich den rächenden Bruder so lange und so intensiv herbei, bis der tatsächlich erscheint, seine tödliche Mission erfüllt – und dann selbst vom Tod getroffen wird. Nicht Elektra ist es, die stirbt, sondern Orest und mit ihm die Hoffnung. Das verstösst zwar gegen das Textbuch, hat im Rahmen des interpretatorischen Konzepts aber seine Schlüssigkeit.

Sie zeigt sich um so mehr, als die zentrale Partie der Elektra nicht wie üblich mit einer rasenden Heroine besetzt ist. Rachel Nicholls tritt als ein schmal gewordenes, junges Mädchen im Nachthemd auf, unter dem die nackten Füsse hervorschauen. Die schwarz umränderten Augen lassen auf eine Borderline-Existenz schliessen. Mit leichter Bewegung tanzt sie zu den schwer stampfenden punktierten Rhythmen von Strauss, immer wieder zieht sie sich aber auf das Eisenbett der Kindheit zurück, von dem aus sie beiden mit «E» und «O» angeschriebenen Stühlchen betrachtet. Jederzeit kann das kippen, denkt man. Aber die Stimme dieser Elektra weist in eine ganz andere Richtung: eine extrem entschlossene. Zwar lebt sie eher von hellen Farben, doch was die junge Engländerin an Expansion zustande bringt (und durchhält), ist von staunenswerter Wirkung. Ausbaufähiges Potential zeigt höchstens die Diktion; gerade im Fortissimo neigen die Vokale bisweilen zu eigenartigen Verzerrungen.

Ein starkes Zentrum. Ihm stehen starke Figuren gegenüber – Figuren, denen der Komponist allerdings nur kurze Auftritte geschenkt hat. Mit seinem kernigen Timbre und seiner pointierten Diktion – die Formungen von «a» und «r» erinnern merklich an Christian Gerhaher – gibt Michael Kupfer-Radecki als Orest erst düster bedrohliche, im Moment des geschwisterlichen Erkennens aber äusserst berührende Züge zu erkennen. Klytämnestra dagegen, sie wird bei Ursula Hesse von den Steinen, die einen phantastisch disponierten, weiten und herrlich ausgeglichenen Mezzosopran einbringt, zu einer genuin theatralischen Figur; hochgradig aufgeladen ist ihre Klytämnestra, ja outriert in ihrem Schwanken zwischen Schuld und Lust und nicht weniger grenzgängerisch als ihre Tochter.

Etwas schwerer haben es, aber das liegt an den Partien, Pauliina Linnosaari als Chrisothemis und Rolf Romei als Aegisth. Dass dieser Schmarotzer ein Verwandter des Herodes aus «Salome» ist, dürfte noch etwas krasser zu hören sein. Insgesamt behält das Ensemble jederzeit die Oberhand – das ist besonders hervorzuheben. Der Dirigent Erik Nielsen nämlich setzt das Konzept der sinfonischen Oper, das in «Elektra» einen seiner Kulminationspunkte erreicht, in aller Radikalität um – und das Sinfonieorchester Basel liefert ihm das Nötige dazu. Warm und füllig klingt es aus dem Graben, klar in den Farben, griffig in den Lineaturen. Dass die Mitwirkenden auf der Bühne darob aber nicht zu Figuren aus dem Stummfilm werden, dass sie sich vielmehr mit ihrer je eigenen Vokalität ins instrumentale Gewebe einfügen, macht den eigentlichen Pluspunkt dieser musikalisch hochstehenden Basler «Elektra» aus.

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