Das Bühnenweihfestspiel im Zeichen des Zeitgeistes

Wagners «Parsifal» in Strassburg

 

Von Peter Hagmann

 

Parsifal heilt Amfortas / Bild Klara Beck, Opéra du Rhin Strasbourg

In Strassburg beginnt die Oper vor der Oper: auf der grosszügigen Allee, die auf der Place Broglie hin zur Opéra du Rhin führt – und das nicht ohne Pathos tut. Im Fall von Richard Wagners «Parsifal», derzeit in Strassburg zu sehen und zu hören, hat das seine eigene Stimmigkeit. Der erste Aufzug des Bühnenweihfestspiels mit seinem enormen Ritual der Gralsritter, in das Parsifal als der reine Tor unschuldig staunend einbricht, gerät zu einem ausladenden, pastosen Tableau. Dessen monumentale Wirkung fördert nicht zuletzt der Dirigent Marko Letonja bei, der hier sehr getragene Tempi wählt, die Spannungsbögen aber nicht durchwegs zu halten weiss. Auch hinsichtlich der Balance blieben in der Premiere Wünsche offen. Anders als Ante Jerkunica, der die Partie des Gurnemanz mit sonorer Tiefe versieht, dringt Markus Marquardt (Amfortas) mit seinem etwas helleren Timbre nicht in ausreichendem Mass durch die klanglichen Wogen, die das Orchestre philharmonique de Strasbourg erzeugt. Erst recht gilt das für Konstantin Gorny (Titurel), der im ersten Aufzug weit im Hintergrund zu singen hat. In Sachen Homogenität und Strahlkraft wenig befriedigend zudem die Chöre, ob sie nun über die scheppernde Lautsprecher-Anlage klingen oder auf der Bühne wirken.

Auch szenisch stellt der erste Aufzug besondere Anforderungen. Schon im Vorspiel – was einmal mehr zu Lasten der Musik geht – werden eine junge Frau gezeigt, die sich nach ihrem verstorbenen Mann verzehrt, und ihr halbwüchsiger (Mathis Spolverato), der im weiteren Verlauf als das halbwüchsige Alter Ego Parsifals an der Seite des Protagonisten durch das Geschehen zieht. Zu sehen sind auf der beweglichen Bühne von Boris Kudlicka auch die Räume eines Museums, in denen sich die Jugend von heute mit der Geschichte der Menschheit vertraut macht. Aus dem Museumsbild heraus wird dann das Ritual der Gralsritter entwickelt, treten dort doch Restauratoren in Erscheinung, die mit dem später auf seine ganze Höhe aufgezogene Turiner Grabtuch beschäftigt sind. Deutungsansätze unterschiedlichster Art verschlingen sich hier, ohne dass sie Konsistenz erkennen liessen. Erst im dritten Aufzug lösen sich die Rätsel auf, zum Teil wenigstens. Wird deutlich, dass das Museum einerseits als Quelle des Weltverständnisses eingeführt ist, andererseits als Hort jener Erstarrung, von der die Gesellschaft der allesamt schwer verletzten Gralsritter betroffen ist.

So komplex (und nicht immer schlüssig) diese Einkleidung wirkt, so überraschend gelingt ihre Fokussierung auf die Figur des Parsifal, in der sie ihre Aussage findet. «Durch Mitleid wissend» – was  diese Zuschreibung dem japanischen Regisseur Amon Miyamoto bedeutet, ist im dritten Aufzug, nach dem Besuch Parsifals bei den Blumenmädchen Klingsors (Simon Bailey), zu erfahren. Es ist ein eindringlicher Aufruf zum Respekt vor dem Mitmenschen und, vor allem, vor der Natur, die als ein dichter, dunkelgrüner Wald in Erscheinung tritt und als ein Affe, der als verstehendes Tier dem Menschen die Wege weist. Dass Kundry, die von Christianne Stotijn mit gar viel Vibrato gesunden wird, am Ende zum Engel verklärt wird, überschreitet freilich die Grenze zum Kitsch. Dennoch, in diesem dritten Aufzug erhält auch die musikalische Seite ihre klarste Konturierung. Zumal Thomas Blondelle, ein vorzüglicher Darsteller und ausgezeichneter, freilich noch etwas forcierenden Tenor, einen draufgängerischen Parsifal zeichnet, dem nach und nach die Augen aufgehen und dem bewusst wird, wohin der Weg führen könnte.

Die Macht der Bilder

«Don Giovanni» in Strassburg

 

Von Peter Hagmann

 

Vor aller Augen: Don Giovanni und Zerlina in Strassburg / Bild Klara Beck, Opéra national du Rhin, Strasbourg

Anregend ausgedacht, exzellent ausgeführt, aber viel zu viel des Guten – so erscheint die Inszenierung von «Don Giovanni», die Marie-Eve Signeyrole für Oper Strassburg entwickelt hat. Eine ebenso anregende wie verwirrende Vielfalt an Bild und Aktion stürzt auf den Zuschauer ein, der Zuhörer kommt sich da oft wie überflüssig vor – fast hat es den Anschein, als gehe die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts spurlos an der eifrigen Regisseurin vorbei. Wenn zur Champagnerarie des Don Giovanni im Saal geräuschvoll Eis gereicht wird, verdichtet sich der Verdacht zur Gewissheit. War da kein Dirigent beteiligt, der in den Proben Gegensteuer hätte geben können?

Ein Dirigent ist tatsächlich dabei an diesem Strassburger Abend, doch Christian Curnyn ist ganz und gar mit sich selber beschäftigt. Unverwandt blickt er in die Partitur, an seiner Umgebung scheint er kein Interesse zu haben, und so gibt er auch keine Einsätze – wie sollte er auch, verwendet er seine beiden Arme doch fast durchwegs synchron. Auch der vielschichtigen Rezeptionsgeschichte des so häufig gespielten Stücks vermag er, wie er im Programmheft gesteht, nichts abzugewinnen; er ziehe es vor, seinen eigenen, direkten Kontakt zur Partitur zu pflegen – eine rührend naive Aussage, die von einem Musikhochschüler stammen könnte. So klingt es denn auch: unpersönlich, unbestimmt. Da und dort steigt eine Erinnerung an Karl Böhm auf, vor allem aufgrund der oft überzeugend gewählten, wenn auch unbarmherzig gerade durchgezogenen Tempi. Mit der Bühne kommt es darum unweigerlich zu Spannungen – etwa dann, wenn Sängern keine Zeit bleibt, Atem zu holen, oder wenn unwillkürliche Temposchwankungen eintreten und der Maestro concertatore gefragt wäre. Für das Orchestre philharmonique de Strasbourg freilich ist Christian Curnyn genau der Richtige. Seine lange Leine gibt den Musikerinnen und Musikern Gelegenheit, in dem taghellen, transparenten Klangbild des Abends ihr Bestes zu zeigen.

Wie das Orchester nicht durch den Dirigenten gestört wird, bleibt auch das Szenische durch die Musik nur marginal berührt. In der hochkomplexen, unerhört beweglichen Ausstattung von Fabien Teigné und mit den aussagekräftigen Kostümen von Yashi führt Marie-Eve Signeyrole eine Bühneninstallation durch, die sich an den Auftritten der serbischen Performerin Marina Abramović orientiert. Der Ansatz wirkt plausibel, fragt sich die hochbegabte, scharf interpretierende Regisseurin doch, wer Don Giovanni überhaupt sei? Ein Niemand sei er, sagt sie, ja ein Nichts – das Gegenteil so viriler Verkörperungen, wie sie Dietrich Fischer-Dieskau oder Ruggero Raimondi auf die Bühne gebracht haben. Nikolay Borchev ist in Strassburg denn auch ein ganz und gar lyrischer, weichzeichnender Don Giovanni – einer, der selten das Heft in die Hand nimmt, der aber alles dafür tut, dass ihm mitgespielt wird. Dass er schliesslich genug hat vom Spiel und sein Leben nicht durch den Komtur (Patrick Bolleire) zu Ende gehen lässt, sondern sich die Henkersmahlzeit durch seinen Diener Leporello (den sehr witzigen Michael Nagl) vergiften lässt, hat seine eigene Logik. Don Giovanni als Anti-Mann, das strahlt voll auf die anderen Figuren des Geschehens aus. Don Ottavio (Alexander Sprague) wie Masetto (Igor Mostovoi) sind als Waschlappen gezeichnet – was freilich eine Plattitüde darstellt. Anders die Frauen. Mit ihrer klar fokussierten, obertonreichen Stimme gibt Jeanine de Bique eine kämpferische, nur selten in die Knie gehende Donna Anna, während Sophie Marilley als eine hartnäckig zielstrebige Donna Elvira in Erscheinung tritt. Besondere Aufmerksamkeit erzielt die junge Sopranistin Anaïs Yvoz, welche die Partie der Zerlina blendend aus dem Schattendasein holt.

Das alles in einem szenischen Arrangement, das reich besetzt ist durch bildliche Zitate; neben Marina Abramović treten Oleg Kulik, Ruben Östlund und Stanley Kubrick. Und das ausserdem die Gesichter der Darstellerinnen und Darsteller immer wieder in grossformatigen Videosequenzen von nahem sehen lässt. Nicht nur sind die Augen da beständig hin- und hergerissen zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem Projizierten auf der Leinwand, von der Bildästhetik her ergibt sich da auch eine bedenkliche Annäherung an die aus berühmten Opernhäusern in Kinos übertragenen Aufführungen, mithin eine Abwertung des Live-Charakters eines Opernabends. Überraschend und amüsant ist jedoch, wie konkret Marie-Eve Signeyrole ihre Vorstellung von Don Giovanni als einer Projektion umsetzt. Sie verwischt die Grenzen zwischen den Ausführenden und dem Publikum, indem sich Figuren aus der Oper vor Beginn der Vorstellung unter die herbeiströmenden Besucher mischen und indem umgekehrt durch Los bestimmte Zuschauerinnen und Zuschauer auf der Bühne Platz nehmen und zu ihrer Überraschung heftig ins Geschehen involviert werden. Das führt zu manch komischem Moment, aber auch zu einem schrecklichen, denn die arme Zerlina wird von dem hier aus seiner Lethargie erwachenden Don Giovanni vor aller Augen malträtiert: die Festgesellschaft wird da zu einer Gruppe von Gaffern. Das wäre dann die Höllenfahrt des Publikums.

Das war hier animierend oder animierend, dort problematisch – es ändert nichts daran, dass die Produktion in ihrer Weise von dem Aufbruch zeugt, den Strassburger Rheinoper derzeit erlebt. Allein, es ist ein Aufbruch auf Zeit, denn seine Auslöserin, die Intendantin Eva Kleinitz, die ihr Amt im Herbst 2017 angetreten hat, ist am 30. Mai 2019 im jungen Alter von 47 Jahren einer heimtückischen Krankheit erlegen. Bei den Bregenzer Festspielen, in der Brüsseler Monnaie-Oper und zuletzt an der damals noch von Jossi Wieler geleiteten Staatsoper Stuttgart hat die Musik- und Literaturwissenschaftlerin aus der Umgebung von Hannover Erfahrungen gesammelt und ihr Netzwerk aufgebaut. Unter ihrer Leitung hat das Strassburger Haus gleich ein neues Gesicht angenommen. Vergessene Werke wie «Barkouf», die freche Operette von Jacques Offenbach, erschienen im Spielplan und sorgten für frischen Wind. Ein multidisziplinäres Festival namens «Arsmondo» richtete den Blick auf die Kultur einzelner Länder wie Japan (2018) oder Argentinien (2019). Und neue Namen erschienen auf den Besetzungszetteln. Die nächste, die dritte Spielzeit wird die letzte sein, die Eva Kleinitz erdacht hat. Das Leben kann unglaublich brutal sein.