Im Westen manch Gutes

Von Sonntag bis Sonntag in der Tonhalle Maag, Zürich

 

Von Peter Hagmann

 

Glücklich im Provisorium – und ein Schuss vor den Bug

Etwas peripher liegt sie schon, die Tonhalle Maag in Zürich: in einem ehemaligen Industriequartier im Westen der Stadt, wo sich lärmige Verkehrsstränge kreuzen, wo man Freitag-Taschen kauft, wo man im Schuppen von Frau Gerold speist. In diesem Neu-Zürich, mit dem sich nicht alle Zürcher identifizieren mögen, herrscht aber nicht nur das Klima der Ausgehmeile, es gibt auch klassische Kultur. Im Schiffbau, dem auf einen Ausruf des Zürcher Regisseurs Christoph Marthaler hin errichteten Theaterhaus mit seiner einzigartigen Atmosphäre, präsentiert das Schauspielhaus Zürich einen Teil seines Angebots. Und in den Gebäuden der ehemaligen Zahnradfabrik Maag hat sich das Tonhalle-Orchester Zürich – aus eigener Kraft notabene – einen provisorischen Konzertsaal errichtet, um zu überwintern, während die Tonhalle am See erneuert wird.

Doch, sagt Ilona Schmiel, die Intendantin des Orchesters, die Saison laufe gut. Mit einem gewissen Einbruch beim Verkauf von Abonnementen sei zu rechnen gewesen; dafür gebe es mehr spontane Besuche, besonders an Freitagabenden, die in der Tonhalle am See als schwierig gegolten hätten. Gleichwertig neben die Statistik stellt die Intendantin jedoch die Veränderungen im Klima. Tatsächlich führt das Foyer die Menschen zusammen; nicht ungern bleibt man nach dem Konzert noch auf ein Glas beisammen, wozu das kulinarische Angebot wie die freundlichen Mitarbeiterinnen hinter dem Tresen und an der Garderobe das Ihre beitragen. Der Saal selbst darf als Prunkstück eines Provisoriums gelten, der Bereich hinter dem Podium lässt sich fast besser nutzen als im angestammten Haus, und die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist wesentlich komfortabler als am Bürkliplatz.

Allein, der Horizont hat sich verdüstert. Vor wenigen Wochen gab das Hochbaudepartement der Stadt Zürich bekannt, dass sich die Instandsetzung von Kongresshaus und Tonhalle am See infolge unvorhergesehener Faktoren um ein halbes Jahr auf März 2021 verlängere und sich eine Kostensteigerung von insgesamt 13 Millionen Franken bei gesamten Baukosten von 165 Millionen Franken abzeichne. Darin eingerechnet sind 3,7 Millionen Franken, welche die Tonhalle-Gesellschaft der Stadt in Rechnung stellt, weil die vollständig geplante Saison 2020/21 überarbeitet werden und weil mitten in der Spielzeit umgezogen werden muss. Ungünstiger lässt es sich nicht denken. Nicht nur fällt die feierliche Eröffnung der zweiten Saison unter der Leitung des neuen Chefdirigenten Paavo Järvi weg, nicht nur muss der Konzertkalender äusserst kurzfristig umgebaut werden, das Tonhalle-Orchester muss auch mitten in der Saison, ab Ende Januar 2021, für einen guten Monat pausieren, damit – und dies unter enorm engen zeitlichen Gegebenheiten – der Umzug zurück an den See vollzogen werden kann. Das kostet Nerven und Geld. Ändern lässt es sich nicht. Neuer Stichtag für die Wiedereröffnung ist nun der 11. März 2021. Was mit der Tonhalle Maag danach geschieht, steht noch in den Sternen; sicher sei nur, sagt Ilona Schmiel, dass sie nicht von der Tonhalle-Gesellschaft weiter betrieben werden wird.

 

Auf und ab in den Konzerten

Einstweilen herrscht aber noch gute Laune, sehr gute sogar, wie vier Abende in der Tonhalle Maag innerhalb einer Woche erwiesen. Naturgemäss waren sie von unterschiedlichem Format, auch unterschiedlichem Glück im Gelingen der Vorhaben, sie liessen jedoch spüren, welch quirliges Leben in diesen so gar nicht provisorisch wirkenden heiligen Hallen an der Zahnradstrasse herrscht. Zwei Auftritte des Tonhalle-Orchesters gab es, ausserdem Kammermusik und schliesslich ein Gastspiel des aus Paris angereisten Ensemble Intercontemporain mit seinem Chefdirigenten Matthias Pintscher – der deutsche Komponist und Dirigent ist bekanntlich Inhaber des Creative Chair dieser Saison. Dementsprechend weit gespannt war der stilistische Horizont dieser musikalischen Woche, sowohl hinsichtlich der aufgeführten Werke als auch der Interpretationen.

In höchst unterschiedlicher Verfassung präsentierte sich das Tonhalle-Orchester – das wieder einmal erwies, dass der Mann am Pult nicht einfach, wie Bernard Haitink sagt, «Luft sortiert», sondern das klingende Ergebnis vielmehr entscheidend prägt. Für meinen Geschmack einen Tiefpunkt erreichte das Orchester mit dem tschechischen Gastdirigenten Tomáš Netopil, einem tüchtigen Opernkapellmeister, der als Konzertdirigent grobschlächtig zu Werk geht. Im Violinkonzert Mendelssohns in e-Moll begleitete er zuverlässig den Solisten Klaidi Sahatçi, einen der drei Konzertmeister des Orchesters; in dem merklich pauschalen Zugriff liess er jedoch schon erahnen, was dann folgen würde. Es war die Sechste Dvořáks, in D-Dur, aber nicht die beste unter den Sinfonien des tschechischen Meisters. Warum nicht die Dritte in Es-Dur? Sie ist das wesentlich interessantere Stück als die Sechste. Wie auch immer: Netopil setzte auf Lautstärke – und vor allem: auf eine nervtötende, weil undifferenzierte, zudem hässlich aufgebauschte Kraftentfaltung. Das Orchester klang deutlich unter seinem Niveau.

Dabei hatte es die Tage zuvor genau das Gegenteil erleben lassen. Unter der energiegeladenen, präzisen Leitung des Franzosen François-Xavier Roth zeigte es, was es kann. Roth entlockte dem hochmotiviert mitgehenden Orchester einen hellen, farbenreichen Klang, der in seiner klaren Zeichnung das musikalische Geschehen in deutliche Form brachte. Dass zu Beginn von Mahlers «Lied von der Erde» der Tenor nur wenig zu hören und schon gar nicht zu verstehen war, ist nicht die Schuld von Eric Cutler und auch nicht jene des Dirigenten. Wenn schon ist es jene Mahlers, der seine Partitur so dicht besetzte, dass die Singstimme als voll und ganz ins instrumentale Ganze integriert erscheint, also nicht über einer Begleitung schwebt. Bei Isabelle Druet stellten sich solche Fragen nicht; mit ihrem obertonreichen Mezzosopran hob sie sich deutlich vom Instrumentalen ab – und ihr war nicht zuletzt auch zu verdanken, dass die letzte der sechs Nummern, «Der Abschied», überaus eindringlich gelang. François-Xavier Roth band die Mahlers Musik nicht unter einen beschwichtigenden Bogen, sondern liess sie – ganz im Geist der Moderne – regelrecht zerfallen. Anders und doch vergleichbar der Einstieg ins Programm mit Beethovens zweitem Klavierkonzert in B-Dur. Tongebung und Artikulation liessen erkennen, dass Roth seine Erfahrungen mit der historischen Praxis gemacht hat, und der bestens gelaunte Solist Paul Lewis trat in lebendig konzertierenden Kontakt mit dem Orchester.

Ein grossartiger Abend, der mit dem Auftritt des Pariser Ensemble Intercontemporain eine nicht minder eindrückliche Fortsetzung erhielt. Zwei Konzerte György Ligetis bildeten den ersten Teil, das Klavierkonzert von 1988 und das Cellokonzert von 1966. Und beide Stücke boten Höhepunkte an moderner, heutiger Virtuosität. Matthias Pintscher ist genau der Richtige am Pult vor dieser Versammlung erstklassiger Solisten. Seine Körpersprache zeigt, dass er die Partituren bis ins Letzte versteht und ausgezeichnet voraushört. Als sei es altgewohnte Musik, dirigierte er die beiden Stücke Ligetis, und das Ensemble folgte ihm in hellwacher Reaktion. Was aber die beiden Solisten boten, liess einen staunend zurück. Sébastien Vichard, der junge Pianist des Ensembles, brillierte mit unendlichen Perlenketten an raschen Läufen und fand dabei noch Gelegenheit, mit seinen Kollegen aktiv zu kommunizieren, während Pierre Strauch, der seit über vierzig Jahren zum Ensemble gehört, seinen meist leisen Part mit einer Souveränität sondergleichen meisterte. Dass Matthias Pinterscher im zweiten Teil mit «Bereshit» ein Stück aus eigener Feder dirigierte, lag angesichts seiner Position als Inhaber des Creative Chair beim Tonhalle-Orchester nahe. Ein guter Dienst war es nicht, zu deutlich hörbar war die Distanz zu den beiden Meisterwerken Ligetis.

Mit dem Klavierkonzert Beethovens, der Sinfonie Dvořáks, dem «Lied von der Erde» und den beiden Instrumentalkonzerten Ligetis war das stilistische Spektrum der ereignisreichen Woche beim Tonhalle-Orchester Zürich denkbar weit gespannt. Zu ihrem Abschluss gab es noch Kammermusik – mit einem der angesagtesten Steichquartette dieser Tage. Allein, das Quarteto Casals hatte nicht seinen besten Moment. Vera Martínez ist als Primgeigerin nicht die ideale Besetzung; sie wirkte verkrampft und gehemmt in der klanglichen Ausstrahlung, zudem vermochte sie das Ensemble nicht voranzuziehen, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre. Die Führung der drei Hirsche an den anderen Instrumenten stellt allerdings besondere Anforderungen. Abel Tomàs, der auch als Primgeiger wirkt, an diesem Abend aber die Zweite Geige versah, erschien mit seinem unbändigen Temperament als ein veritabler Tiger im Tank, während der Bratscher Jonathan Brown, vorne rechts sitzend, seine Mittelstimme prägnant herausstellte und Arnau Tomàs am Cello für ein kraftvoll ruhendes Bassfundament sorgte. Warum aber die grauslichen Glissandi bei den Sextsprüngen im Kopfsatz von Bartóks erstem Streichquartett? Und weshalb das verzweifelte Suchen nach Form in Beethovens Opus 131? Das späte Streichquartett in cis-Moll gehört zu den anspruchsvollsten Werken der Gattung, weil es so zerklüftet ist; die Interpreten stehen hier vor der Aufgabe, einen Weg durch diese von Überraschungen gesäumten Landschaft zu finden. Da gibt es beim Quarteto Casals, das ich über alles schätze, noch Luft nach oben.

 

Ein Neubeginn in der nächsten Saison

Mit dem Antrittskonzert von Paavo Järvi als neuem Chefdirigenten (und, wie er sich nennen lassen will, «Music Director») des Tonhalle-Orchesters Zürich beginnt am 2. Oktober 2019 die nächste Saison in der Tonhalle Maag. Sie bringt einige Veränderungen – nicht nur im Format des nun fadengehefteten Generalprogramms. Auch nicht in Bezug auf die künstlerischen Kompetenzen. Wie bisher ist der Chefdirigent für alle Fragen des Orchesters und für seine zehn Programme zuständig – dies in Zusammenarbeit mit der Intendantin, aber doch mit einem Vorrecht der Wahl. Ilona Schmiel wiederum gestaltet das übrige Programm, dies ihrerseits in Absprache mit Paavo Järvi. Beibehalten wird die Einrichtung des Creative Chair, doch wird das 2019/20 eher ein Composer in Residence sein, denn berufen in diese Funktion ist der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür, ein langjährige Weggefährte und Freund des Chefdirigenten. Ebenfalls aus Nordeuropa stammen die drei Interpreten jüngerer Generation, die in Residenz eingeladen sind: der schwedische Klarinettist Martin Fröst, der finnische Geiger Pekka Kuusisto und die lettische Akkordeonistin Ksenija Sidorova. Das verspricht doch einiges.

Damit ist auch der thematische Schwerpunkt angedeutet, den Paavo Järvi verfolgt. Er bringt Musik aus der Gegend seiner Herkunft nach Zürich – Bekanntes und weniger Bekanntes, vor allem auch eine Sprache der neuen Musik, die hierzulande noch zu entdecken ist. Das Eröffnungskonzert gilt «Kullervo» von Jean Sibelius, eine Art Sinfonischer Dichtung für Vokalsolisten, Chor und Orchester über das gleichnamige Nationalepos aus Finnland. Järvi nimmt sich ausserdem der sechs Sinfonien Tschaikowskys an und leitet zum Saisonende im Sommer 2020 eine halbszenische Aufführung von Beethovens «Fidelio». Dies im Zusammenhang mit dem Beethoven-Jahr, zu dem das Belcea-Quartett mit der Aufführung von acht Streichquartetten Beethovens beiträgt (die Fortsetzung besorgt in der Saison darauf dann das Quatuor Ebène). Im übrigen bleibt alles in gewohnten Bahnen. Von den grossen Alten treten Herbert Blomstedt, Christoph von Dohnányi, Heinz Holliger und David Zinman wieder ans Dirigentenpult, unter den jüngeren Dirigenten sind Alondra de la Parra, Gianandrea Noseda, Rafael Payare, Krzystof Urbánski  und Joshua Weilerstein zu nennen. Krzysztof Penderecki erweist dem Tonhalle-Orchester die Ehre. Und die Geigerin Isabelle Faust kommt zusammen mit dem Dirigenten Philippe Herreweghe nach Zürich. An Leben wird es weiterhin nicht fehlen.

François-Xavier Roth beim Tonhalle-Orchester Zürich

Transparenz und Emphase bei «Pelleas und Melisande» von Arnold Schönberg

 

Von Peter Hagmann

 

Dass mit Arnold Schönberg beim Publikum kein Staat zu machen ist, auch nicht mit der spätromantischen Tondichtung «Pelleas und Melisande», ist ein Allgemeinplatz. Interessanter ist, dass sich das Tonhalle-Orchester Zürich bei der Aufführung von Schönbergs Frühwerk erneut von einer ganz ausgezeichneten Seite gezeigt hat. Schon in den Konzerten mit Paavo Järvi und Bernard Haitink im Dezember letzten Jahres sowie mit Kent Nagano Anfang Januar hatten sich die Musikerinnen und Musiker voll auf den Dirigenten eingelassen; sie waren damit zu Interpretationen gekommen, die in Brillanz und Aussagekraft weit über dem Durchschnitt standen. Ähnlich war es jetzt mit dem Franzosen François-Xavier Roth, einem Musiker jener neuen Art, wie sie sich heute mehr und mehr verbreitet.

Sein Profil geschaffen hat sich Roth am Pult des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, des besten Rundfunkorchesters Deutschlands, das inzwischen einer bürokratischen Massnahme zum Opfer gefallen ist. Mit diesem hochkarätigen, durch seine Wirksamkeit in der Musik des 20. Jahrhunderts bekannten Orchester hat Roth mehrere Jahre lang bei den Donaueschinger Musiktagen das Neuste vom Tage aus der Taufe gehoben, zum Beispiel das mikrotonale Konzert für acht Klaviere und Orchester des Österreichers Georg Friedrich Haas, dessen Uraufführung 2010 unvergessen ist. Von der nämlichen Überzeugungskraft sind die Einspielungen von Tondichtungen Richard Strauss‘, die Roth mit dem Orchester in den Jahren ab 2012 erarbeitet hat; sie leben von feuriger Virtuosität und erfrischender Klarheit zugleich.

Erstaunlich ist das nicht. Mit der Musik der späten Romantik und der frühen Moderne beschäftigt sich Roth seit langem – konkret seit der Gründung von Les Siècles 2003, und dort in einer besonderen Weise. Das Orchester vertritt die Richtung der historischen informierten Aufführungspraxis, es benützt für jedes der von ihm aufgeführten Werke Instrumente und Spielweisen aus der Entstehungszeit der Kompositionen. Und das eben nicht nur bei barocker oder klassischer, sondern bei jeder Art Musik. Eben erst nahmen die Musiker von Les Siècles in Reims an einer halbszenischen Aufführung von Georg Friedrich Händels Oratorium «Israel in Ägypten» teil, während ihre jüngste CD der Musik György Ligetis galt. Ganz zu schweigen von der Orgelsymphonie von Camille Saint-Saëns, dem «Zauberlehrling» von Paul Dukas oder Claude Debussys Tondichtung «La Mer» – alles in einem Klangbild, das sich um historische Plausibilität bemüht.

Davon konnte beim Gastspiel, das Roth beim Tonhalle-Orchester Zürich gab, nicht die Rede sein – genau so wenig wie in Köln, wo François-Xavier Roth derzeit als Generalmusikdirektor der Oper und des Gürzenich-Orchesters wirkt. Es war aber nicht zu überhören, wie sehr sich die so unterschiedlich gelagerten Erfahrungen des Dirigenten in seiner Auslegung von «Pelleas und Melisande» konkretisierten. Weder liess er sich zu einem Klangbad in den spätromantischen Wogen verleiten noch setzte er anachronistisch auf die Wegweiser in Richtung Moderne. Nein, Roth liess sehr genau spüren, wie lustvoll sich Schönberg mit seinem Werk von 1903 im Fahrwasser Wagners tummelt und wie entschieden es ihn zugleich drängt, die Grenzen der harmonischen Tonalität nicht nur auszuloten, sondern zu überschreiten.

Akkurat liess Roth die Leitmotive heraustreten, die das unheilvolle Dreieck zwischen der jungen, geheimnisvollen Melisande, dem in die Jahre gekommenen, undurchsichtig bedrohlichen Golaud und dem jugendlich stürmischen, von Melisande auf Anhieb ins Herz geschlossenen Pelleas umreissen. Das gelang dem Dirigenten um so besser, als er das Klangbild jederzeit unter Kontrolle hatte, weil helle, leuchtende Transparenz sein erstes Ziel war. Herrlich, um nur diese Beispiele zu nennen, das glühende Englischhorn, die glänzenden Posaunen, die klagenden Bratschen. Dabei bildeten die Instrumentalfarben in gleichem Masse Kontraste, wie sie sich miteinander verbanden. Das Ergebnis war kunstvoll gestaltete Emphase. Ebenso sehr wurde deutlich, wie dicht gewoben diese Partitur ist. Und war zu erfahren, wie stark die Farbenkunst der französischen Impressionisten auf Musik des deutschen Kulturkreises eingewirkt hat.

Anregend war das und vom Orchester brillant umgesetzt. Für den ersten Teil des Abends, für das Klavierkonzert Nr. 1 in d-moll von Johannes Brahms, gilt das nicht im gleichen Mass. Auch hier ging François-Xavier Roth von Feinzeichnung aus: von jenem lichten Klangbild, das der alte Brahms an dem für ihn jungen Dirigenten Felix Weingartner so schätzte. Kleiner als gewohnt war die Orchesterbesetzung, der Klang dementsprechend weniger wuchtig, dafür aber äusserst spannungsgeladen. Benjamin Grosvenor, ein von vielen Seiten namhaft unterstützter Engländer, schien davon keine Kenntnis zu nehmen; er donnerte, als sässe er vor dem Chicago Symphony Orchestra in Vollbesetzung – und das in einem harten, trockenen Ton, der in seiner perkussiven Anlage den gesanglichen Zug des zweiten Satzes besonders missglücken liess. Zudem glaubte der junge Pianist, die Tempi des Dirigenten korrigieren, nämlich bei seinen ersten Einsätze langsamer nehmen zu müssen. Und wenn ein Solist, wie es zu Begin des dritten Satzes geschah, Begleitfiguren unbekümmert laut vor sich hintrommelt, wo die thematische Hauptsache doch bei den Geigen läge, gibt zu erkennen, dass die Eierschalen noch nicht ganz abgefallen sind.

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Richard Strauss: Tondichtungen. SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, François-Xavier Roth (Leitung). Hänssler Classic. – [1] Ein Heldenleben, Tod und Verklärung. CD 93299. – [2] Till Eulenspiegel, Don Quixote, Macbeth. CD 93.304. – [3] Also sprach Zarathustra, Aus Italien. CD 93320. – [4] Eine Alpensinfonie, Don Juan. CD 93.335.