Ein Jubiläum im Zeichen des Aufbruchs

Hundert Jahre Orchestre de la Suisse Romande

 

Von Peter Hagmann

 

Das Orchestre de la Suisse Romande beim Festkonzert vom 28. November 2018 in der Genfer Victoria Hall / Bild Niels Ackermann / Lundi13 / OSR

Welches Orchester drinnen spiele, fragte der Passant. Das Orchestre de la Suisse Romande, so die Antwort des Gegenübers. Ach so, meinte der Passant, mit Ansermet? Die Geschichte ist alt, aber bezeichnend. Sie stammt aus dem Herbst 1991, als das Orchestre de la Suisse Romande mit seinem Chefdirigenten Armin Jordan auf Tournee war und die eben eröffnete Symphony Hall in Birmingham besuchte – einen Saal, der in seiner räumlichen Disposition und seiner Akustik erahnen liess, wie der Konzertsaal im geplanten Kultur- und Kongresszentrum Luzern aussehen und klingen könnte. Der Name Ernest Ansermets, so war damals festzustellen, stand noch immer im Raum, wenn die Rede auf das Genfer Orchester kam. 1918 hatte der Schweizer Dirigent das Orchestre de la Suisse Romande ins Leben gerufen, um in der welschen Schweiz ein Gegengewicht zu den grossen Sinfonieorchestern in Zürich, Basel und Bern zu bilden. Fast fünfzig Jahre, bis 1967, blieb Ansermet an der Spitze des Klangkörpers – den er, nicht zuletzt dank der intensiven Tätigkeit für das Plattenlabel Decca, zum berühmtesten Orchester der Schweiz machte.

Vielleicht auch zum besten. Zwar nicht in technischer Hinsicht, denn mit der Intonation scheint es Ansermet, das lässt sich in mancher seiner Aufnahmen feststellen, nicht besonders genau genommen zu haben. Das beste Orchester der Schweiz jedoch auf der Ebene des künstlerischen Profils. Geschätzt wurde das Orchestre de la Suisse Romande für seinen Klang; er steht klar in der französischen Tradition. Deutlich hörbar sind in den Einspielungen – sie sind heute grösstenteils als Übertragungen auf CD greifbar – das näselnde Basson anstelle des deutschen Fagotts, die schlankere und darum ausgesprochen klar zeichnende Oboe sowie der leichte, helle Ton im Tutti. Besondere Aufmerksamkeit erregte das Orchester jedoch durch sein Repertoire. Dank Ansermets immensem Beziehungsnetz lebten die Programme von einer ausgeprägten Nähe zur neuen Musik von damals. Jedenfalls zu einem Teil davon, denn Ansermet lehnte die Atonalität ab und schloss damit bedeutende Wege der musikalischen Innovation aus. Aber für die französischen Impressionisten und ihre Nachfolger wie für Strawinsky und seine Schule war das Orchestre de la Suisse Romande eine erste Adresse.

Der Übervater und seine Nachfolger

Das blieb nicht so. Auf die goldenen Zeiten mit Ansermet folgten für das Genfer Orchester beschwerliche Jahre – und nicht wenige davon. Statt das sorgsam aufgebaute Alleinstellungsmerkmal zu pflegen, versuchte man sich an deutsch-angelsächsischer Tradition auszurichten. Die Chefdirigenten kamen und gingen. Paul Klecki, der Schweizer aus Polen blieb als unmittelbarer Nachfolger Ansermets nur drei Jahre, später kamen Horst Stein (1980-85), Fabio Luisi (1997-2002), Pinchas Steinberg (2002-05), Marek Janowski ( (2005-12) und Neeme Järvi (2012-15). Keiner von ihnen wurde glücklich mit dem Orchester, keiner von ihnen stiess zu einer intensiveren Zusammenarbeit vor. Etwas länger, nämlich ein Jahrzehnt ab 1970, blieb Horst Sawallisch. Aber nichts könnte die Distanz zwischen dem allseits geschätzten Kapellmeister und dem Orchester mit seiner speziellen DNA besser veranschaulichen als der kapitale Schmiss, dem Sawallisch in Igor Strawinskys «Sacre du printemps» bei einem Gastkonzert in Basel zum Opfer fiel.

Einen einzigen Lichtblick gab es, und das waren, ab 1985, die zwölf Jahre mit Armin Jordan als Chefdirigent. Jordan war genau der Richtige für das Orchester. Perfekt zweisprachig und in der französischen Musik genau so beheimatet wie in der deutschen, verkörperte Jordan das, was das französische Orchester aus der mehrsprachigen Schweiz ausmacht. Zahlreich die konzertanten Höhepunkte in der Victoria Hall, unvergesslich Produktionen wie «Tristan und Isolde» 2005 im Grand Théâtre  – Jordan war dem Orchester über seinen Rücktritt hinaus verbunden geblieben. Wunderbar kantabel und stimmungsreich, aber fern jeder Süsslichkeit nahm er Debussys «Prélude à l’après-midi d’un faune», weich zeichnete er Strawinskys «Sacre» – darin wie in der ausgeprägten Vielfarbigkeit ganz anders als der Mainstream. Und in der urdeutschen Musik Richard Wagners verwandelte Jordan den französischen Klang in eine Wärme ganz eigener Art. Auch für die Moderne hatte er seinen Sinn; als das Genfer Orchester 1993 sein 75-jähriges Bestehen feierte, hob er zusammen mit der Mezzosopranistin Cornelia Kallisch die Zwei Lieder nach Gedichten von Georg Trakl, die Heinz Holliger fürs Festkonzert geschrieben hatte, aus der Taufe. Mit einem Wort: Armin Jordan war der wirkliche Nachfolger Ansermets.

Ein Orchester im Grenzland der Kulturen

Jonathan Nott am Pult des Orchestre de la Suisse Romande / Bild Niels Ackermann / Lundi13 / OSR

Und Jonathan Nott, der 2017 als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter zum Orchestre de la Suisse Romande kam, ist der nächste wirkliche Nachfolger Ansermets. Mit dem 56-jährigen Briten, der in Paris genau so gut wie in Luzern, in Berlin und in Wien gearbeitet hat, der ganz selbstverständlich Deutsch, Französisch und Englisch spricht – mit Jonathan Nott könnte das Orchester sein Profil wieder in jene Richtung hin schärfen, die Ansermet vorgezeichnet hat. Nott, der einige Jahre das Pariser Ensemble Intercontemporain geleitet hat, ist mit der neuen Musik genuin vertraut. Mit den Bamberger Symphonikern, denen er von 2000 bis 2016 als Chefdirigent zur Verfügung stand, hat er aber auch seine Position gegenüber dem klassisch-romantischen Repertoire gefestigt – die vollständige Aufführung von Wagners «Ring des Nibelungen» beim Lucerne Festival 2013 setzte da neben dem Bamberger Mahler-Zyklus den wohl gewichtigsten Akzent. Vor allem aber lässt er eine Affinität zum Französischen spüren, die von einem sehr persönlichen Klangbild geprägt wird. «Jeux», das Poème dansé Debussys, das sich auf der ersten CD Notts mit seinem Orchester findet, gibt in der hellen Beleuchtung der Strukturen und der ausgebauten klanglichen Sinnlichkeit ein Beispiel dafür ab.

Was geschehen kann, wenn Jonathan Nott mit dem Orchestre de la Suisse Romande ans Werk geht, erwies jetzt eine Woche, in der das hundertjährige Bestehen des Orchesters gefeiert wurde. Am 30. November 1918, der Erste Weltkrieg war eben gerade beendet, gab das das Orchestre Romand, aus dem 1940 das Orchestre de la Suisse Romande werden sollte, mit Ansermet sein erstes Konzert. Daran hat das Festkonzert am Feiertag selbst erinnert. Davor gab es jedoch zwei weitere Programme, die je zweimal gespielt wurden: ein gerüttelt Mass, das hier zusammenkam. Die 112 Musikerinnen und Musiker des Orchestre de la Suisse Romande haben sich jedoch mit unglaublichem Engagement auf das Projekt eingelassen – kollegial angeführt von ihrem Chefdirigenten, der in seinem Umgang mit dem Kollektiv nicht den patriarchalisch strengen Ton anschlägt, den Marek Janowski gepflegt hat, sondern vielmehr ein wenig an die Lockerheit seines fernen Vorgängers Armin Jordan erinnert. Dabei wird aber hart gearbeitet. Noch in der Generalprobe weist der Dirigent auf Verbesserungspotential in der rhythmischen Präzision oder in der klanglichen Balance hin.

Ja, der Klang, ruft Jonathan Nott aus, der sei zentral – für jede Formation, für die aus Genf aber besonders. Das Orchestre de la Suisse Romande sei nun mal ein Orchester französischer Tradition, das sei dem kollektiven Gedächtnis eingeschrieben. Er schätze das und wolle es es so weiterentwickeln, dass es die Identität des Orchesters trage. Darum soll die französische Musik auch in Zukunft eine Hauptsache bleiben. Das hat seine Richtigkeit, präsentiert sich die Szene der französischen Orchester doch nicht gerade in blühendsten Farben. In gleichem Masse will Nott aber auch das Wirken des Orchestre de la Suisse Romande an der Schnittstelle zwischen dem Französischen und dem Deutschen ans Licht heben. Dies nicht nach der Maxime, deutsche Musik à la française zu spielen, sondern vielmehr mit dem Versuch, aus dem Französischen heraus eine neue Klangkultur für das Deutsche entstehen zu lassen. Wie sehr das Früchte tragen kann, erweist das Berner Symphonieorchester, dessen Chefdirigent Mario Venzago sich in seiner Arbeit am Klang explizit von französischen Elementen inspirieren lässt. In Genf wiederum spiegelt sich das in neuen Prinzipien der Programmgestaltung. Das Generalprogramm ist durch thematische Felder gegliedert, die sich auch in der Abonnementsstruktur niederschlagen. Béla Bartók, Igor Strawinsky und die russische Musik stehen auf der einen Seite, Johannes Brahms, Robert Schumann und die deutsche Romantik auf der anderen.

Genfer Dramaturgie

Einen Begriff von der, wenn man so will, «Genfer Dramaturgie» vermittelten die Konzerte der Jubiläumswoche. Das Festkonzert war Peter Tschaikowsky gewidmet. In den beiden anderen Programmen gab es mit «Core» von Dieter Ammann ein sorgfältig gebautes, wohlklingendes Werk der Jetztzeit, mit dem ersten Klavierkonzert Bartóks (und Pierre-Laurent Aimard als Solisten) ein Stück Hardcore-Moderne, während der Abschluss Beethovens sechster Sinfonie galt. Hier, bei Beethoven, herrschte zwar gelöste Munterkeit, aber auch noch reichlich philharmonische Behäbigkeit – trotz der kleinen Besetzung und der deutschen Aufstellung mit den beiden Geigengruppen links und rechts vom Dirigenten. Jonathan Nott kann in diesem musikalischen Bereich auch ganz anders, das hat er mit Sinfonien Haydns gezeigt, weshalb es gerade bei Beethoven noch durchaus zu Bewegung kommen könnte. Im zweiten Programm bildete die Überraschung nicht das neue, etwas ausführliche Posaunenkonzert des Schotten James Macmillan, in dem Jörgen van Rijen brillierte, sondern die Sinfonie Nr. 3, die «Liturgique», von Arthur Honegger, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und die Not jener Zeit beredt in Klang setzt. Wie Jonathan Nott die Emotionalität dieser etwas herben Musik zum Leuchten brachte, war schon in der Generalprobe schlicht grandios. Zum Schluss bot dieses Programm eine schmissige Wiedergabe der «Rhapsody in blue» von George Gershwin mit dem untadeligen Pianisten Lucas Debargue sowie die Sinfonischen Tänze aus der «West Side Story» von Leonard Bernstein.

Alles blendend, orchestral jedenfalls auf hohem Niveau. Und auch wenn da und dort Wünsche offen blieben, zeigte sich das Orchestre de la Suisse Romande klar im Aufbruch begriffen, so wie es diesen Sommer auch beim Lucerne Festival zu erleben war (und auf der bereits erwähnten CD mit Richard Strauss‘ Ballettmusik «Schlagobers» als unbotmässigem Hauptstück nachzuhören ist). Als Performer, der er nun einmal ist, vermag Jonathan Nott die Musiker formidabel aus dem Busch zu holen. Das ist dringend notwendig, denn in seiner institutionellen Konstitution erscheint das Orchester noch immer etwas geschwächt. Die personellen Turbulenzen wollten kein Ende nehmen. Innerhalb der letzten sechs Jahre sind zwei Präsidenten jener Stiftung, die das Orchester trägt, in die Wüste geschickt worden, hat es auf dem Sessel des Intendanten drei abrupte Wechsel gegeben und ist ein so gut wie designierter Chefdirigent vom Orchester abgelehnt worden. Das scheint fürs erste überwunden. Mit Jonathan Nott mag ohne Zweifel eine neue Ära angebrochen sein, und mit der 42-jährigen Pariserin Magali Rousseau – Musikwissenschaftlerin, Pianistin und Schlagzeugerin, aber auch Kulturmanagerin – steht ihm eine eine Intendantin zur Seite, die als ehemalige Generaldirektorin des Orchestre philharmonique de Radio France in Paris ihr Metier fürwahr kennt. Die Probleme sind damit aber noch nicht aus der Welt geschafft.

Probleme und Perspektiven

Wie jeder Klangkörper spürt das Orchestre de la Suisse Romande die Zeichen der Zeit. Die Besucherzahlen insgesamt (2017/18 waren es 77’000 Personen bei einer Auslastung von 79 Prozent) seien stabil, sagt die Intendantin Magali Rousseau, zu beobachten sei aber eine klare Umschichtung weg von den Abonnementen hin zu Spontanbesuchen – das fordert verstärkte Aktivität in der Vermittlung der künstlerischen Ambition. Und wie jeder Klangkörper ist das Genfer Orchester, das zu 74 Prozent von der öffentlichen Hand lebt, auch von Sponsoren und deren Zuwendungen abhängig. An Geld fehlt es in der Rhonestadt keineswegs, auch nicht an Melomanen, die darüber verfügen. Es aufzutreiben, ist aber ein harter Job – und vor allem scheinen in Genf mit den Zuwendungen auch Versuche der Einflussnahme verbunden zu sein. Noch immer haben der Chefdirigent und die Intendantin, welche die Saisonprogramm gemeinsam erstellen, nicht wirklich freie Hand, noch immer gibt es beim Orchestre de la Suisse Romande eine künstlerische Kommission, in welcher der Stiftungspräsident den Vorsitz führt und in der auch ein Vertreter der Freunde des Orchesters das Sagen hat. Ausserdem hat das Orchester auf das Grand Théâtre, wo es einen Drittel seiner Dienste absolviert, Rücksicht zu nehmen. Erfreulich immerhin, dass Jonathan Nott, wenn mit Aviel Cahn 2019 ein neuer Intendant ins Amt kommt, das Orchester auch regelmässig in der Oper dirigieren wird.

Indessen steuert das Orchester auf einen weiteren, allerdings vielversprechenden Einschnitt zu. Wenn alles gut geht, wird das Orchester in fünf Jahren die Victoria Hall im Stadtzentrum verlassen und in die neben dem Uno-Gelände geplante Cité de la Musique umziehen. Das ist ein Verlust, weil der gründerzeitliche, akustisch wertvolle Saal, der seinerzeit von einem begüterten Mäzen für die von ihm gegründete Blasmusik erbaut worden ist und heute im Besitz der Stadt steht, einen stimmungsvollen Konzertort bildet. Im Foyer dominiert jedoch wenig erbauliche Enge, im Hinterbühnenbereich herrschen unwürdige Zustände, und die räumliche Disposition zwingt zu erheblichem Aufwand im Auf- und Abbau des Podiums. Dem allem wird die Cité de la Musique, die auch die 1835 gegründete Genfer Musikhochschule aufnehmen und zu einem eigentlichen Musik-Campus werden soll, Abhilfe schaffen. Der Wettbewerb für das rein privat finanzierte Projekt versammelte die besten Architekten der Welt; gewonnen haben ihn der Genfer Pierre-Alain Dupraz und der Portugiese Gonçalo Byrne zusammen mit dem japanischen Akustiker Minoru Nagata. Äusserst attraktiv sieht der Entwurf aus, er könnte zu einem musikalischen Leuchtturm in der Schweiz werden – und ein welsches Gegengewicht setzen zum KKL Luzern, ähnlich wie es seinerzeit die Gründung des Orchestre de la Suisse Romande versucht hat. «Premier siècle» nennt das Orchester sein Jubiläum. Die Bezeichnung deutet an, dass sich der Rückblick selbstbewusst als Ausblick versteht.

Zukunftsmusik: der Entwurf zum neuen Genfer Konzertsaal / Bild Cité de la Musique, Genève

 

Zum Jubiläum seines hundertjährigen Bestehens legt das Orchestre de la Suisse Romande ein Buch auf. Keine Geschichte des Orchesters, sondern zehn Beiträge von Schriftstellern zu den zehn Jahrzehnten des Orchesters: «OSR. Premier siècle. Nouvelles». Slatkine, Genf 2018. 242 S.

Ausserdem ist eine hochinteressante Box mit fünf CDs erschienen: «One century of music. Orchestre de la Suisse Romande, premier siècle». Aufnahmen mit den Chefdirigenten des Orchesters aus den Archiven des Westschweizer Radios. Pentatone 5186791.

Gastorchester am Lucerne Festival

Zwischen Aufbruchsstimmung und Katzenjammer

 

Von Peter Hagmann

 

Vgl. www.republik.ch vom 14.09.18

Das Orchestre de la Suisse Romande am Abheben

Neubeginn in Genf mit Jonathan Nott als Chefdirigent und Magali Rousseau als Intendantin

 

Von Peter Hagmann

 

Es gelte jetzt, die DNA des Orchesters mit jener des neuen Chefdirigenten in Übereinstimmung zu bringen. So sieht es Florence Notter, die Präsidentin des Orchestre de la Suisse Romande (OSR). Ihr Satz zeugt von jenem Blick nach vorn, der im Moment besonders gefragt ist, denn dem Genfer Orchester, dem einst berühmtesten Klangkörper der Schweiz, ist es in der jüngeren Vergangenheit miserabel gegangen. Nach dem fast halben Jahrhundert mit Ernest Ansermet, der das Orchester 1918 gegründet hatte, und einem goldenen Jahrzehnt mit Armin Jordan, der dem OSR zwischen 1985 und 1997 vorstand, folgte ein Wellental dem anderen. Zu einer gewissen Konsolidierung kam es in den Jahren 2005 bis 2012 mit Marek Janowski, der dem Orchester wieder technische Sicherheit verschaffte und ihm, etwa mit der bemerkenswerten Gesamtaufnahme der Sinfonien Anton Bruckners, das deutsch-österreichische Repertoire näher brachte.

Jahre der Krise

Janowskis Rücktritt führte jedoch in turbulente Zeiten; sie waren dem Ruf des Orchesters alles andere als zuträglich. Der Versuch, mit Bertrand de Billy wieder einmal einen Dirigenten aus der französischen Kultur als Nachfolger Janowskis zu gewinnen, scheiterte an Unstimmigkeiten im Prozedere. In der Folge entschied sich Steve Roger, der als Intendant auf eine deutliche Verbesserung in der Publikumsresonanz stolz sein konnte, das Orchester gleichzeitig mit Janowski zu verlassen, was ein heikles Führungsvakuum schuf. Mit Neeme Järvi wurde dann ein Chefdirigent gefunden, der über einen klingenden Namen verfügt, dem Orchester künstlerisch aber rein gar nichts gebracht hat – während im Grand Théâtre, in dessen Graben das OSR knapp die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt, Dirigenten von Format ohnehin selten sind.

Dazu kam ein Debakel sondergleichen in der Administration. Zwei Intendanten sind seit 2012 entlassen worden: erst der Vermögensverwalter Miguel Esteban, der das Feld im Sommer 2012 nach bloss einem halben Jahr des Wirkens räumen musste, im Februar 2016 dann der Oboist Henk Swinnen, der als Nachfolger Estebans offenbar problematisches Geschäftsgebaren an den Tag gelegt hatte und deshalb sehr plötzlich seinen Hut nehmen musste. Schon vorher, nämlich auf Ende 2012, hatte auch der langjährige, nicht ganz unumstrittene Präsident Metin Arditi seinen Rücktritt eingereicht. Der Scherbenhaufen war angerichtet.

Als Nachfolgerin Arditis scheint Florence Notter nun aber die rechte Frau am rechten Platz zu sein. Entschieden hat sie die beiden wichtigsten Dossiers an die Hand genommen: die Wahl eines neuen Chefdirigenten, bei der das Orchester im Rahmen einer Abstimmung den Ausschlag zu geben hatte, und die Bestimmung eines neuen Intendanten, der zum ersten Mal nicht auf Empfehlungen hin, sondern unter Anwendung professioneller Methoden gesucht wurde. Zugleich aber hatte die neue Präsidentin an den verschiedensten Fronten zu kämpfen. Widerstand kam aus den Reihen der Freunde des OSR, von wo aus gewisse Kreise Einfluss zu nehmen suchten, aber auch von Seiten einer Genfer Tageszeitung. Dazu kam, dass Kanton und Stadt Genf den Moment der Schwäche für Versuche nutzten, die Subventionen zu stutzen – wo diese Unterstützungen der öffentlichen Hand doch heute schon nicht einmal die Saläre des Orchesters decken. Schliesslich wurde noch eine Prüfung der Strukturen angeordnet, die aufzeigen sollte, wie das Profil und die Organisation des Orchesters neu definiert werden sollten. Wie immer bei solchen Übungen wurde festgestellt, dass die Musiker zu wenig arbeiteten – getreu der Frage: «Sie sind Musiker? Was machen Sie tagsüber?»

Helle und dunkle Farben

Das alles scheint heute vielleicht noch nicht überwunden und bewältigt, aber doch weitgehend Vergangenheit. Denn mit Magali Rousseau, einer Musikerin, Juristin und Betriebswirtschafterin, die ihre Sporen beim Orchestre philharmonique de Radio France absolviert hat, ist seit November 2016 eine Intendantin am Werk, die das Metier kennt, über eine gewinnende Ausstrahlung verfügt und ein positives Klima erzeugt. Für Auftrieb sorgt vor allem aber der neue Chefdirigent Jonathan Nott. Mit einer hinreissenden Aufführung von Mahlers Siebter hatte sich der 54-jährige Brite im Oktober 2014 dem OSR vorgestellt, kurz darauf wurde er vom Orchester mit klarer Mehrheit seinen zwei Konkurrenten vorgezogen und der Öffentlichkeit präsentiert – und jetzt, auf Anfang dieses Jahres, hat er sein Amt angetreten. Nott kommt zwar nicht in einer genuinen Weise aus dem französischen Kulturbereich, wie es etwa bei François-Xavier Roth der Fall gewesen wäre, er hat aber seine Nähe dazu, allein schon von seinen Erfahrungen als Leiter des Pariser Ensemble intercontemporain her. Dafür hat er sich als ein Dirigent bekannt gemacht, der den von ihm geleiteten Orchestern Profil und Qualität verschafft hat; so war es beim Luzerner Sinfonieorchester in den Jahren 1997 bis 2002 wie zwischen 2000 und 2016 bei den Bamberger Symphonikern, die mit ihm einen sehr bedeutenden Schritt nach vorn getan haben. Nicht zuletzt steht Nott aber für eine ganz natürliche Verbundenheit mit der Musik unserer Tage; wenn es davon profitieren kann, eröffnet das dem OSR innerhalb der Schweizer Orchesterlandschaft wie im Ausland ganz neue Perspektiven.

Bis heute bekannt und geschätzt ist das Orchestre de la Suisse Romande für seinen Beitrag zum Klang der französischen Musik. Das ist das eigentliche Markenzeichen des Orchesters, und hier liegt auch sein grösstes Potential, denn zum einen gibt es auf diesem Feld für das OSR einen deutlichen Nachholbedarf, und zum anderen erscheint die Konkurrenz in diesem Repertoire nicht eben erdrückend. So lag es nahe, dass Jonathan Nott seine Tätigkeit beim OSR Mitte Januar mit einem Programm eröffnete, das ausschliesslich dem musikalischen Impressionismus gewidmet war. Interessant, dass Nott für seinen ersten Abend, er fand im Théâtre Beaulieu in Lausanne statt, die deutsche Orchesteraufstellung gewählt hatte – dass also die Ersten und die Zweiten Geigen links und rechts vom Dirigenten sassen, während die Celli und die Bässe halblinks, die Bratschen dagegen halbrechts positioniert waren.

Kein Zweifel, trug das zur Öffnung des Klangbilds bei; zudem erlaubte es dem Dirigenten, die Mittelstimmen sorgsam herauszuarbeiten und den Eindruck heller Transparenz zu erzielen. Ganz entspannt wirkte die Rapsodie espagnole von Maurice Ravel, ruhig ausgesungen im «Prélude à la nuit» und fröhlich farbenfroh in der «Feria». Etwas kühl klang dagegen das Klavierkonzert Ravels – vielleicht weil sich der designierte Siemens-Preisträger Pierre-Laurent Aimard bei aller technischen Brillanz expressiv sehr zurückhielt. Glänzend schliesslich die drei «Images» für Orchester von Claude Debussy, bei denen die Wechsel im Atmosphärischen äusserst genau und doch in einer spontan wirkenden Lässigkeit verwirklicht waren. Dass auf diesem Gebiet für das OSR und seinen neuen Chef eine Zukunft liegt, war jedenfalls keine Frage.

Im zweiten Programm – es stand im Zusammenhang mit einer Tournee, die das OSR nach Spanien führte – hatte Jonathan Nott den Vortritt: mit Sinfonien von Gustav Mahler und Franz Schubert, die er mit den Bamberger Musikern so vorbildlich auf CD aufgenommen hat. Schuberts Sinfonie in B-dur, die fünfte, die gern als eine nette Harmlosigkeit gespielt und empfunden wird, erschien gross und dunkel. Das mag auch an dem in theatralischem Weinrot gehaltenen Saal in der Genfer Victoria Hall gelegen haben, war aber natürlich die Folge bemerkenswerter interpretatorischer Entscheidungen. Das Orchester – wiederum deutsch aufgestellt, was hier von der musikalischen Struktur her besonders sinnvoll war – pflegte jenen kompakten Ton, zu dem es eben auch in der Lage ist, und weil die Wiederholungen allesamt ausgeführt wurden, wurde aus dem kleinen, nämlich ohne Pauken, Trompeten und Posaunen besetzten Werk ein grosses. Auch ein sehr ausdrückliches, denn Nott arbeitete in allen vier Sätzen mit Temporückungen, die dem Geschehen hochgradig expressive Energie einhauchten.

Nämliches gilt für Mahlers erste Sinfonie, deren Auslegung ganz im Zeichen stürmischer Jugendlichkeit und aufschiessender Vitalität stand. Gewiss, es gab hier Schwächen; die Hörner, die im Finale so effektvoll aufstanden, wie es Mahler vorschrieb, wollten nicht überall, im Scherzo liess die innere Koordination da und dort zu wünschen übrig und geriet das Trio zu langsam, als dass es noch als gemächlich empfunden werden konnte, während der dritte Satz, in den die Kontrabässe mit vereinten Kräften sehr sauber eingeführt hatten, etwas der ironischen Gebrochenheit entbehrte. Dennoch, der Schwung über der Wiedergabe als Ganzer war von mitreissender Wirkung: ein Zeichen des Aufbruchs.

Mit voller Kraft voraus

Die Begeisterung kannte keine Grenzen; auch das Orchester sparte nicht mit Zeichen der Zuneigung für seinen charismatischen Chefdirigenten – da könnte etwas wachsen. Noch fehlt es nicht an Baustellen, im Bereich der inneren Organisation ohnehin, aber auch nach aussen hin. Die Beziehung der Stiftung, die das OSR trägt, zu Radio und Fernsehen der französischsprachigen Schweiz steht derzeit in Verhandlung. Dringend verbessert werden muss auch das Verhältnis zwischen dem Orchester und der Oper; immerhin ist Jonathan Nott von dem zur Zeit in einem Ausweichquartier logierenden Grand Théâtre für die kommende Saison zu einen ersten Auftritt eingeladen worden. Davon abgesehen gilt die Aufmerksamkeit jetzt jedoch ganz der Saison 2018/19, in der das Orchestre de la Suisse Romande das Jubiläum seines hundertjährigen Bestehens feiern wird. Besondere Energien gehen ausserdem in das Projekt einer «Cité de la Musique», in der das OSR zum ersten Mal in seiner Geschichte eine feste Heimstätte finden wird.

Wie das: ein neuer Saal, wo doch die Victoria Hall ein so prächtiges Ambiente bietet? Tatsächlich ist die Arbeit im kulturellen Herzen der Stadt mit erheblichen Nachteilen verbunden, weil die Victoria Hall keine Lager für die Instrumente, keine Übräume für die Musiker und zu wenig Foyers für das Publikum bereithält. Zudem ist die Administration vom Orchester getrennt, weil die Büros und selbst die Vorverkaufskasse in einem Gebäude abseits vom Konzertsaal eingemietet sind. Die erstaunlicherweise ganz und gar privat finanzierte «Cité de la Musique» auf dem Gelände des Genfer Uno-Sitzes – die Generalversammlung in New York hat dem Projekt soeben zugestimmt – soll dem Orchester dagegen genau jene räumliche Konfiguration bieten, die es benötigt. Zudem wird auch die heute auf verschiedene Standorte verteilte Musikhochschule dort einziehen, was sinnvolle Synergien schaffen könnte. Demnächst soll der Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden; auf 2022 ist die Eröffnung projektiert. Wenn das Orchestre de la Suisse Romande im letzten Jahr auf dem Boden lag, erscheint es heute als ein Phönix, wie er sich treffender kaum denken lässt.

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Am kommenden Montag, 13. Februar 2017, um 19,30 Uhr, tritt das Orchestre de la Suisse Romande mit seinem neuen Chefdirigenten Jonathan Nott in der Tonhalle Zürich auf. Dies im Rahmen eines Gastspiels, das die in Genf domizilierte Konzertagentur Caecila im Rahmen ihrer Konzertreihe «Meisterinterpreten» veranstaltet.

Zwischen Bamberg und Genf

 

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Jonathan Nott, hier noch in Bamberg, an der Arbeit / Bild Bamberger Symphoniker, Paul Yates

 

Peter Hagmann

Die Musik als Ganzes

Abschluss der Ära Jonathan Nott bei den Bamberger Symphonikern

 

Am Ende gingen die Emotionen hoch. Gab es Reden, Geschenke, Stehapplaus noch und noch. Bamberg, die Symphoniker der Stadt und ihr Publikum nahmen fröhlich und dankbar Abschied von Jonathan Nott, der nach sechzehn Jahren des Wirkens als Chefdirigent weiterzieht: zum Orchestre de la Suisse Romande in Genf, wo ihn ein anspruchsvoller Neubeginn erwartet. Welches Glück das Westschweizer Orchester hat, bei dem Bamberger Abschiedsabend war es mit Händen zu greifen. Wenn die Chemie stimmt, vermag Nott ein Orchester in einer besonderen Weise zusammenzuschweissen. Unter seiner Leitung agieren die Bamberger Symphoniker als ein Klangkörper im eigentlichen Sinn: geschlossen im Klang, dabei hochgradig agil und leuchtend bis weit in die Verästelungen der Binnenstimmen hinein. Dazu kommt, dass Nott eine ganz eigene Art der Gegenwärtigkeit erzielt – «Ein Heldenleben», die Sinfonische Dichtung von Richard Strauss, liess es zum Schluss des Bamberger Abschiedskonzerts noch einmal hören. Plastisch durchgeformt war das, geradezu körperlich in der klanglichen Ausstrahlung, dazu von einer Transparenz sondergleichen. Das Bamberger Orchester gab dem scheidenden Chefdirigenten sein Bestes.

Von Ligeti zu Purcell und zurück

Eine Carte blanche hatte Jonathan Nott für diesen Abend erhalten, und so stellte das Programm heraus, was diesen grossartigen Musiker auszeichnet. Der virtuosen Spätromantik gingen im ersten Teil alte und neue Musik in enger Verzahnung voraus. Für Nott beginnt die Musik nicht erst bei Haydn, und sie endet nicht mit Strauss. Weshalb es denn drei Orchesterstücke von György Ligeti gab, in die alternierend Fantasien für Gambenconsort von Henry Purcell eingelassen waren. Neue Musik ist Nott selbstverständlich, zu Beginn seiner Amtszeit in Bamberg war er ja auch noch Chefdirigent des von Pierre Boulez gegründeten Pariser Ensemble intercontemporain; und mit Ligeti ist er besonders vertraut, hat er doch dessen Orchesterwerke mit den Berliner Philharmonikern auf CD eingespielt. Bei «Atmosphères», einer ruhig liegenden und zugleich fein bewegten Klangfläche, aus der bisweilen einzelne Lineaturen heraustreten, liessen Nott und das fabelhaft ausbalancierte Orchester die ganze Schönheit dieser Partitur aus den sechziger Jahren aufleben. Die vorzügliche Aufführung machte hörbar, welch ungeheuren Tabubruch Ligeti (und gleichzeitig mit ihm, aber unabhängig von ihm Friedrich Cerha) hier herbeiführte. Einen krasseren Widerspruch zwischen dieser auf Sinnlichkeit setzenden Musik und der ganz auf das Strukturelle ausgerichteten Avantgarde ist schwer vorstellbar.

Während man diesem Gedanken nachsinnen konnte, dunkelte das Licht auf dem Orchesterpodium in der Konzerthalle Bamberg ab und fiel gleichzeitig ein Kegel auf das ganz oben postierte Gambenquartett von Hille Perl, Frauke Hess, Julia Vetö und Christian Heim. Nicht grösser und nicht reizvoller hätte der Gegensatz zwischen der schillernden Pracht Ligetis und der in ganz anderer Weise klangvollen Strenge Purcells ausfallen können. Das Quartett um Hille Perl verlieh den ungewohnten Modulationen und den kontrapunktischen Verästelungen Purcells Sinn und Reiz zugleich. Dass nach erneutem Lichtwechsel, aber ohne Unterbrechung durch Beifall, Ligetis «Lontano» aus dem letzten Ton Purcell herauswuchs, unterstrich die Botschaft, dass die Musik ein Ganzes bilde, das von vorgestern bis heute reiche. So hat es Jonathan Nott auch bei der Gesamtaufführung der Sinfonien Franz Schuberts angelegt, denen als Reflexe neue, eigens für die Bamberger Symphoniker geschriebene Werke begegneten.

Im Zeichen der Nachhaltigkeit

Nach dem zweiten Einwurf mit Purcell kam noch die «San Francisco Polyphony» Ligetis, dann war Pause, und schliesslich folgte das «Heldenleben» in der für dieses Stück fast zwingenden deutschen Orchesteraufstellung mit den beiden Geigengruppen links und rechts vom Dirigenten. Mit Jonathan Nott ist das ohnehin gute Orchester, das 1946 aus ehemals in Prag tätigen Musikern deutscher Kultur gebildet wurde, noch einen Schritt besser geworden. Zahlreich sind die Höhepunkte in den 650 Abenden, die Nott am Pult der Bamberger gestanden hat – bis hin zu dem schon legendären «Ring des Nibelungen», der halbszenischen Produktion beim Lucerne Festival im Wagner-Jahr 2013. Von der auf Nachhaltigkeit angelegten Aufbauarbeit zeugt auch die von dem Schweizer Label Tudor neu aufgelegte CD-Box mit den Aufnahmen der Sinfonien Gustav Mahlers, die Jonathan Nott und die Bamberger Symphoniker in den Jahren 2005 bis 2011 erstellt haben. Vom merklich gewachsenen Selbstbewusstsein des Orchesters berichtet der liebevolle, grossformatige Bildband, den die Schriftstellerin Nina Gomringer und der Photograph Andreas Herzau bei Hatje Cantz in Berlin vorgelegt haben. Stolz ist allerdings am Platz, das bekräftigt auch die von der Deutschen Grammophon vorgelegte Geschichte des Orchesters in einer Box mit achtzehn CDs.

Jetzt ist dann Sommerpause. Danach geht es unter neuen Vorzeichen weiter. Die alles andere als einfache Nachfolge Jonathan Notts tritt der erst 34-jährige Tscheche Jakub Hrůša an. Und Nott zieht nach Genf, woher 1985 der nachmalige Ehrendirigent Horst Stein nach Bamberg gekommen ist. Allseits viel Glück.