Vom Dunkel ins Licht – und zurück

«Iolanta» von Tschaikowsky in Solothurn

 

Von Peter Hagmann

 

Im Glashaus: Iolanta wird vom maurischen Arzt geheilt. / Bild Konstantin Nazlamov, Theater-Orchester Biel-Solothurn

 

Während «Schwanensee und «Nussknacker», «Eugen Onegin» und «Pique Dame» sowie die Sinfonien fünf und sechs in aller Munde sind, fristet «Iolanta» ein Schattendasein. Dabei handelt es sich bei Peter Tschaikowskys Einakter nicht etwa um ein vergessen gegangenes Jugendwerk, sondern um des Komponisten letzte Oper überhaupt. 1891, zwei Jahre vor seinem Tod, in St. Petersburg uraufgeführt, vermochte sich das thematisch avancierte Werk nicht zu verbreiten. Produktionen sind selten – weil die Opernhäuser nicht wagen, das rund anderthalb Stunden dauernde Stück allein anzusetzen und weil andererseits die Möglichkeiten der Kombination eingeschränkt sind. Was den medialen Bereich betrifft, sieht es nicht weniger trübe aus.

Um so mehr ist zu schätzen, dass das Theater Biel-Solothurn «Iolanta» jetzt ins Programm genommen hat. Die Musik ist herrlich, wie so vieles aus Tschaikowskys Feder – und eigenartig zugleich, wie die zahlreichen Feinheiten der Instrumentation erkennen lassen. An der Premiere im stimmungsvollen, sensibel wiederhergestellten Stadttheater Solothurn brauchte es beim Zuhören allerdings ein wenig Phantasie; der begrenzte Platz im Orchestergraben verunmöglicht, die Streicher so zahlreich zu besetzen, wie es erforderlich wäre. Bläserbetont war darum der Klang und herb – ungewohnt jedenfalls für Tschaikowsky, aber nicht uninteressant. Die modernen Seiten der Partitur traten zutage, und dem entsprachen die frischen Tempi, die Francis Benichou, der Dirigent der Solothurner Premiere, mit sicherer Hand installierte. Das Sinfonie-Orchester Biel-Solothurn war aufmerksam dabei; vielleicht hätte es auch etwas explizitere Gestaltung mitgetragen, sei es im Umgang mit den Tempi, sei es in der Arbeit an den Instrumentalfarben.

Als König René, Vater der blinden Iolanta, spielt Pavel Daniluk seine ganze Kraft aus; auf der kleinen Bühne erscheint er als ein Herrscher von riesiger Statur, der sich seine Umgebung unterwirft und sie dazu bringt, seiner Tochter die Tatsache ihrer Blindheit zu verheimlichen. Über die Einhaltung des Gebots wacht als eine Art Oberschwester die Kammerfrau Martha, der Candida Guida ihren tiefen, ungemein gerundeten und klangschönen Alt lieh – ich würde fast wetten, dass man von der jungen Italienerin bald mehr hören wird. Seiner Sache ganz sicher ist der König freilich nicht, jedenfalls hat er den maurischen Arzt Ibn-Hakia engagiert, der für seine ophthalmologischen Künste bekannt ist. Der Moslem mit seiner wunderschönen Schultertasche steht für die alte arabische Hochkultur, wie sie das mittelalterliche Spanien gekannt hat – dass das in unserer Zeit des blutrünstigen Islamismus auf die Bühne kommt, ist ausgesprochen wertvoll. Und es wirkte besonders stark, weil Aram Ochanian nicht nur äusserst klug argumentieren durfte, sondern das auch in einer wohltönend ruhigen Art tat.

Die einzige, allerdings nachvollziehbare Bedingung, die der Arzt stellt, ist die Forderung, dass Iolanta aufgeklärt werden solle, damit sie den Schritt hin zum Licht selbstbestimmt einfordern könne. Die Aufklärung übernimmt in der Oper, anfangs sehr zum Verdruss des Vaters, ein junger Mann; er schwärmt ihr nicht nur vom Sehen vor, sondern auch von der Liebe. Irakli Murjikneli setzt seinen weich timbrierten Tenor so überzeugend ein, dass die wohlorganisierte Welt König Renés rasch in sich zusammenfällt und Iolanta nimmer von ihrem Grafen Vaudémont lassen will. In der atmosphärisch belebten, anregenden und detailgenauen Inszenierung von Dieter Kaegi, dem Intendanten am Theater Biel-Solothurn, ist das alles mit Händen zu greifen. Der Ausstatter Francis O’Connor hat das vom Textbuch geforderte Paradies in ein wunderbares Gewächshaus umgewandelt, in dem der Lichtdesigner Mario Bösemann die zauberhaftesten Stimmungen evoziert. Hier wachsen nicht nur langstielige Rosen, hier erwacht auch die von Anna Gorbachyova sehr überzeugend als junges Mädchen gesungene und gespielte Iolanta zum Leben. Was von ihrer Umgebung mit stürmischer Begeisterung aufgenommen wird.

Iolanta aber ist, so zeigt es der Regisseur, dem ungewohnten Licht nicht gewachsen; sie will zurück in die Dunkelheit. Mitten in den Jubel hinein blendet sie sich mit zwei Rosenstielen und präsentiert dem schockierten Publikum ihre blutenden Augen. Ein Alptraumbild. Ein Theaterbild.

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